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Blog: Aktuelle News, Praxis-Tipps und Trends – jetzt lesen & mitdiskutieren!

Zwischen Abschreckung und Eskalation. Die Frage nach einem Frieden im Russland-Ukraine-Krieg und die Bedeutung für Deutschland und Europa

Ein diskursiver Essay über die deutschen Nachrichtendienste, den Ukrainekrieg, Aufrüstung und die Zukunft Europas

Inhalt:

Einleitung (Zum Aufbau dieses Essays)

  1. Die Anhörung: Was sagen die deutschen Nachrichtendienste?
  2. Der „Schattenkrieg“: Befinden wir uns bereits in einer neuen Form des Krieges?
  3. Leipzig und 2029: Was wissen wir – und was wissen wir nicht?
  4. Die Eskalationsspirale: Macht Deutschland sich durch seine Ukraine-Politik selbst zum Kriegsziel?
  5. 1945 bis 2014: Wie entstand die heutige Konfrontation?
  6. 2014 bis 2022: Maidan, NATO-Osterweiterung, Donbass und der Weg zum großen Krieg
  7. 2022 bis heute: Waffen, Sanktionen und der Abnutzungskrieg
  8. Will der Westen Frieden – oder soll Russland militärisch und wirtschaftlich unter Druck gesetzt werden?
  9. Territorien gegen Frieden? Die schwierige Frage eines möglichen Gebietsverzichts
  10. Pistorius, Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung: Wie viel Militarisierung verträgt eine Demokratie?
  11. Was kommt auf Europa zu? Drei mögliche Szenarien
  12. Wie lässt sich eine direkte Konfrontation zwischen NATO und Russland verhindern?
  13. Was kann die Bevölkerung tun? Demonstration, öffentliche Debatte und Wahlentscheidung
  14. Eine neue europäische Friedensordnung – einschließlich Russland

Schluss: Von der „Kriegstüchtigkeit“ zur „Friedenstüchtigkeit“

Anmerkung zum Hintergrund der Entstehung dieses Aufsatzes

Einleitung (Zum Aufbau dieses Essays):

Dieser Essay ist bewusst als diskursive Auseinandersetzung angelegt. Ziel ist es nicht, von vornherein eine einzige politische Sichtweise als richtig festzulegen, sondern unterschiedliche Positionen zu den zentralen Fragen von Krieg, Frieden, Sicherheit und der Zukunft Europas gegenüberzustellen.

Zu den besonders kontroversen Themen werden deshalb zunächst unterschiedliche Sichtweisen dargestellt:

Meinung A steht für eine Position, die beispielsweise die Notwendigkeit von Abschreckung, militärischer Unterstützung der Ukraine und einer starken europäischen Verteidigungsfähigkeit betont.

Meinung B vertritt demgegenüber stärker die Perspektive, dass militärische Unterstützung, Aufrüstung und eine dauerhafte Konfrontation mit Russland die Gefahr einer weiteren Eskalation erhöhen und diplomatische Lösungen erschweren können.

Meinung C versucht, zwischen diesen Positionen zu vermitteln. Sie geht davon aus, dass Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit notwendig sein können, gleichzeitig aber Diplomatie, Verhandlungen, Rüstungskontrolle und eine langfristige politische Friedensordnung unverzichtbar sind.

An die Darstellung der unterschiedlichen Positionen schließt jeweils eine Diskussion an. Dort werden die Argumente miteinander verglichen, Widersprüche herausgearbeitet und die jeweiligen Stärken und Schwächen betrachtet. Dabei soll ausdrücklich vermieden werden, komplexe historische oder politische Entwicklungen auf einfache Schuldzuweisungen zu reduzieren.

Wo es sinnvoll ist, folgt anschließend ein Zwischenfazit. Dieses fasst zusammen, welche Erkenntnisse sich aus der vorangegangenen Diskussion ableiten lassen und welche Fragen weiterhin offenbleiben.

Der Essay folgt damit einem einfachen Grundprinzip:

Meinung A → Meinung B → gegebenenfalls Meinung C → Diskussion → Zwischenfazit

Im abschließenden Kapitel werden die einzelnen Gedanken noch einmal zusammengeführt. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, ob eine europäische Sicherheitsordnung möglich ist, die sowohl die notwendige Verteidigungsfähigkeit als auch die Fähigkeit zur Diplomatie und zur Konfliktvermeidung miteinander verbindet.

Der Essay versteht sich somit nicht als Plädoyer für eine vorbehaltlose politische Position, sondern als Versuch, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen, miteinander ins Gespräch zu bringen und daraus eine möglichst nüchterne Schlussfolgerung zu entwickeln.

1. Die Anhörung: Was sagen die deutschen Nachrichtendienste?

Am 5. Oktober 2026 fand vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium des Deutschen Bundestages die öffentliche Anhörung der Präsidenten der drei deutschen Nachrichtendienste statt. Es sprachen Martin Jäger, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), und Martina Rosenberg, Präsidentin des Bundesamtes für den Militärischen Abschirmdienst (BAMAD).

Die Anhörung war deshalb bemerkenswert, weil die drei Behörden eine Sicherheitslage beschrieben, in der die traditionelle Grenze zwischen Frieden und Krieg zunehmend verschwimmt.

BND-Präsident Jäger sprach von einem russischen „Schattenkrieg“ gegen Deutschland. Gleichzeitig stellte er klar, dass gegenwärtig keine Hinweise auf einen großangelegten russischen Angriff auf NATO-Gebiet vorlägen.

Darin steckt bereits eine zentrale Spannung:

Wie kann Deutschland einerseits Ziel eines „Schattenkrieges“ sein, während andererseits keine Erkenntnisse über die Vorbereitung eines offenen russischen Angriffs vorliegen?

Um diese Frage zu verstehen, muss man zunächst zwischen den Aufgaben der drei Dienste unterscheiden.

Der BND ist der deutsche Auslandsnachrichtendienst. Er sammelt und analysiert Informationen über Entwicklungen außerhalb Deutschlands, soweit diese für die außen- und sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands relevant sind.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist dagegen vor allem für Gefahren innerhalb Deutschlands zuständig: Extremismus, Terrorismus, Spionage und bestimmte Aktivitäten fremder Nachrichtendienste.

Der Militärische Abschirmdienst wiederum befasst sich mit Sicherheits- und Spionageabwehr im Geschäftsbereich der Bundeswehr.

Die drei Dienste betrachten somit unterschiedliche Ausschnitte derselben Sicherheitslage.

Dabei sollte man ihre Warnungen immer auch institutionell einordnen. Nachrichtendienste sind keine Friedensforschungsinstitute. Ihre Aufgabe besteht gerade darin, Gefahren möglichst frühzeitig zu erkennen.

Das macht ihre Warnungen nicht falsch.

Aber:

Eine nachrichtendienstliche Gefahrenanalyse ist noch keine politische Handlungsanweisung.

Ob aus einer erkannten Gefahr Aufrüstung, Diplomatie, neue gesetzliche Befugnisse oder eine Kombination daraus folgen soll, ist eine politische Entscheidung.

2. Der „Schattenkrieg“: Befinden wir uns bereits in einer neuen Form des Krieges?

Der Begriff „Schattenkrieg“ ist kein eindeutig definierter völkerrechtlicher Begriff. Er beschreibt vielmehr eine Grauzone zwischen gewöhnlicher zwischenstaatlicher Konkurrenz und offenem militärischem Krieg.

Dazu können gehören:

  • Spionage
  • Cyberangriffe
  • Sabotage
  • Desinformation
  • Einflussoperationen
  • Angriffe auf kritische Infrastruktur
  • Drohnenoperationen
  • Einschüchterung und verdeckte Gewaltakte.

Die Besonderheit dieser Form der Auseinandersetzung besteht darin, dass ein Staat seinem Gegner erheblichen Schaden zufügen kann, ohne offiziell Krieg zu erklären.

Meinung A – Deutschland befindet sich bereits in einer hybriden Konfrontation

Aus dieser Perspektive ist der Begriff „Schattenkrieg“ angemessen.

Wenn ein Staat Cyberangriffe durchführt, Sabotage unterstützt, Spionage betreibt oder versucht, kritische Infrastruktur zu beeinflussen, handelt es sich nicht mehr um gewöhnliche diplomatische Konkurrenz.

Die Grenze zum Konflikt ist bereits überschritten.

Meinung B – „Schattenkrieg“ ist eine gefährliche politische Zuspitzung

Aus dieser Perspektive besteht die Gefahr, dass nahezu jede feindselige Aktivität eines Staates als Teil eines „Krieges“ bezeichnet wird.

Spionage beispielsweise ist keineswegs neu.

Auch während des Kalten Krieges spionierten NATO und Warschauer Pakt einander aus.

Wenn nun jede Cyberattacke oder jeder Einflussversuch als „Krieg“ bezeichnet wird, könnte dadurch die politische Wahrnehmung unnötig militarisiert werden.

Meinung C – Beides kann gleichzeitig zutreffen

Eine dritte Position würde sagen:

Der Begriff ist zwar politisch zugespitzt, beschreibt aber dennoch eine reale Veränderung.

Hybride Konflikte sind tatsächlich gefährlicher geworden, weil digitale Infrastruktur, Satelliten, soziale Medien und moderne Drohnentechnik neue Möglichkeiten geschaffen haben.

Diskussion

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht unbedingt, ob das Wort „Schattenkrieg“ richtig oder falsch ist.

Wichtiger ist:

Wie reagieren wir auf hybride Angriffe, ohne dadurch selbst eine Eskalationsspirale auszulösen?

Denn wenn jeder Angriff automatisch als Kriegshandlung verstanden wird, könnte die Schwelle zur militärischen Gegenreaktion sinken.

3. Leipzig und 2029: Was wissen wir – und was wissen wir nicht?

Der Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle ist in diesem Zusammenhang besonders beunruhigend.

Am 4. August 2026 wurde auf dem Flughafengelände eine Drohne entdeckt, an der professioneller Sprengstoff und ein Zünder angebracht waren. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen wegen des Verdachts des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und eines gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr.

Ein solcher Vorgang darf keinesfalls verharmlost werden.

Aber gerade bei sicherheitspolitisch brisanten Ereignissen muss zwischen verschiedenen Erkenntnisebenen unterschieden werden.

Meinung A – Leipzig ist ein Beleg für den russischen Schattenkrieg

Wenn sich der Verdacht erhärtet, dass der Anschlag von russischen staatlichen oder staatsnahen Stellen gesteuert wurde, wäre dies ein besonders schwerwiegendes Beispiel für hybride Gewalt gegen Deutschland.

Die Botschaft wäre eindeutig:

Die Auseinandersetzung findet nicht mehr nur auf ukrainischem Boden statt.

Meinung B – Der Fall muss zunächst juristisch aufgeklärt werden

Eine Demokratie sollte zwischen einem Verdacht, einem Ermittlungsstand und einem nachgewiesenen Sachverhalt unterscheiden.

Der Fund einer mit Sprengstoff versehenen Drohne ist gesichert.

Die genaue Verantwortlichkeit und eine mögliche staatliche Steuerung sind davon zu unterscheiden.

Meinung C – Der Vorgang ist unabhängig von der Urheberschaft sicherheitspolitisch relevant

Selbst wenn die russische Urheberschaft nicht abschließend bewiesen wäre, zeigt der Vorfall, wie verwundbar zivile Infrastruktur inzwischen ist.

Flughäfen, Energieversorgung, Kommunikationsnetze und Verkehrssysteme können zu Zielen hybrider Angriffe werden.

Diskussion

Die angemessene Reaktion besteht deshalb weder in Verharmlosung noch in vorschneller Schuldzuweisung.

Ein Rechtsstaat sollte sagen:

Wir nehmen die Gefahr ernst – und gerade deshalb prüfen wir die Fakten sorgfältig.

Ähnlich sorgfältig muss mit der Jahreszahl 2029 umgegangen werden.

Die Aussage, Russland könne bis dahin möglicherweise wieder über erhebliche militärische Fähigkeiten verfügen, bedeutet nicht:

„Russland wird 2029 angreifen.“

Fähigkeit ist nicht Absicht.

Ein Staat kann militärisch zu einem Angriff fähig sein, ohne ihn zu beabsichtigen.

4. Die Eskalationsspirale: Macht Deutschland sich durch seine Ukraine-Politik selbst zum Kriegsziel?

Deutschland gehört inzwischen zu den bedeutendsten militärischen Unterstützern der Ukraine.

Es liefert Waffen und Munition, unterstützt Luftverteidigung, bildet ukrainische Soldaten aus und beteiligt sich zunehmend an der Stärkung der ukrainischen Rüstungsfähigkeit.

Warum?

Meinung A – Die Unterstützung der Ukraine ist notwendige Abschreckung

Die Argumentation lautet:

Wenn Russland durch militärische Gewalt seine politischen Ziele durchsetzen kann, wird ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen.

Die Ukraine müsse deshalb in die Lage versetzt werden, sich zu verteidigen.

Aus dieser Perspektive verlängert nicht die westliche Unterstützung den Krieg, sondern die russische Entscheidung, ihn zu führen.

Je stärker die Ukraine sich verteidigen könne, desto eher könne sie einen für sie akzeptablen Frieden erreichen.

Meinung B – Die zunehmende Unterstützung erhöht das Eskalationsrisiko

Aus dieser Perspektive sieht Russland nicht nur eine ukrainische Armee, sondern zunehmend die militärische Unterstützung eines ganzen westlichen Bündnisses.

Deutschland liefert Waffen.

Westliche Staaten liefern Aufklärung.

Ukrainische Soldaten werden im Westen ausgebildet.

Die europäische Rüstungsproduktion wird ausgebaut.

Russland könnte daraus den Schluss ziehen:

Der Westen führt zunehmend indirekt Krieg gegen Russland.

Damit könnte die Wahrscheinlichkeit russischer Gegenmaßnahmen gegen westliche Staaten steigen.

Meinung C – Unterstützung und Diplomatie müssen miteinander verbunden werden

Eine dritte Position könnte lauten:

Die Ukraine darf nicht schutzlos gestellt werden, aber militärische Unterstützung darf niemals zum Ersatz für Diplomatie werden.

Die Formel wäre:

Abschreckung plus Diplomatie.

Nicht:

Waffen statt Diplomatie.

Diskussion

Die Vorstellung, deutsche Waffenlieferungen würden zwangsläufig einen russischen Angriff auf Deutschland hervorrufen, wäre zu einfach.

Russland trifft seine politischen Entscheidungen selbst.

Aber ebenso falsch wäre die Annahme, westliche Politik könne keinerlei Einfluss auf die russische Risikowahrnehmung haben.

Internationale Politik funktioniert auch über Wahrnehmung.

Damit sind wir beim Sicherheitsdilemma.

Deutschland und NATO rüsten auf, weil sie Russland für gefährlich halten.

Russland sieht diese Aufrüstung und fühlt sich möglicherweise bestätigt, dass der Westen Russland militärisch eindämmen wolle.

Russland rüstet weiter auf.

Der Westen interpretiert dies wiederum als Bestätigung seiner ursprünglichen Warnung.

So entsteht eine Spirale:

Bedrohungsgefühl → Aufrüstung → Gegenaufrüstung → stärkeres Bedrohungsgefühl → weitere Aufrüstung.

Das Gefährliche daran:

Niemand muss ursprünglich einen großen Krieg gewollt haben.

Und trotzdem kann einer entstehen.

Zwischenfazit

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

„Aufrüstung oder Abrüstung?“

Sondern:

Wie viel militärische Stärke ist notwendig, um Krieg zu verhindern – und ab wann erhöht zusätzliche Stärke selbst das Eskalationsrisiko?

5. 1945 bis 2014: Wie entstand die heutige Konfrontation?

Nach 1945 wurde Europa in zwei Machtblöcke geteilt.

1949 entstand die NATO.

1955 folgte der Warschauer Pakt.

Deutschland wurde zum zentralen Schauplatz der Teilung.

Doch neben militärischer Abschreckung entstand im Laufe des Kalten Krieges eine zweite Logik: die Entspannungspolitik.

Nach der Kuba-Krise wurde deutlich, dass ein unkontrollierter Konflikt zwischen Atommächten katastrophale Folgen haben könnte.

Es entstanden:

  • Rüstungskontrollverträge
  • Gesprächskanäle
  • die deutsche Ostpolitik
  • die KSZE
  • der Helsinki-Prozess.

Die entscheidende Erkenntnis lautete:

Gerade mit einem Gegner, dem man misstraut, muss man reden.

Meinung A – Die NATO-Osterweiterung war eine souveräne Entscheidung Osteuropas

Polen, Tschechien, Ungarn und später die baltischen Staaten und andere osteuropäische Länder wollten nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft Schutz und politische Verankerung im Westen.

Aus dieser Perspektive war die NATO-Osterweiterung eine Konsequenz der freien Entscheidung souveräner Staaten.

Meinung B – Die NATO-Osterweiterung verschärfte Russlands Sicherheitsproblem

Aus russischer Perspektive verschwand zwar der Warschauer Pakt, die NATO aber nicht.

Stattdessen rückte sie immer näher an Russland heran.

Die russische Führung betrachtete diese Entwicklung zunehmend als strategische Bedrohung.

Meinung C – Beide Perspektiven müssen berücksichtigt werden

Eine realistische europäische Sicherheitspolitik sollte anerkennen:

Osteuropäische Staaten haben ein legitimes Recht auf eigene Sicherheitsentscheidungen.

Gleichzeitig besitzt auch Russland ein reales Sicherheitsinteresse daran, welche militärischen Strukturen sich unmittelbar an seinen Grenzen befinden.

Diskussion

Die Anerkennung russischer Sicherheitsinteressen bedeutet nicht, Russland ein Vetorecht über die Außenpolitik anderer Staaten einzuräumen.

Aber die gegenteilige Position – Russland müsse die NATO-Erweiterung schlicht als irrelevant akzeptieren – unterschätzt die geopolitische Realität.

Eine dauerhafte Sicherheitsordnung muss die Sicherheitsinteressen aller Seiten berücksichtigen.

6. 2014 bis 2022: Maidan, NATO-Osterweiterung, Donbass und der Weg zum großen Krieg

2014 wurde zum Wendepunkt.

Die Proteste auf dem Maidan führten zum Machtverlust von Viktor Janukowytsch.

Meinung A – Der Maidan war im Kern eine demokratische ukrainische Revolution

Aus dieser Perspektive erhob sich ein großer Teil der ukrainischen Bevölkerung gegen eine korrupte und zunehmend autoritär wahrgenommene Regierung.

Die Ukraine entschied sich anschließend stärker für eine westliche Orientierung.

Meinung B – Der Westen, insbesondere die USA, nahm erheblichen Einfluss auf den politischen Umbruch

Es ist unstrittig, dass die USA und andere westliche Staaten politische und zivilgesellschaftliche Kräfte in der Ukraine unterstützten.

Amerikanische Diplomaten unterhielten intensive Kontakte zu ukrainischen Politikern.

Daraus ergibt sich eine berechtigte Frage:

Wie weit darf ausländische politische Einflussnahme gehen, bevor sie zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates wird?

Meinung C – „US-Putsch“ greift als Erklärung zu kurz

Der Begriff „Putsch“ suggeriert, die Ereignisse seien vollständig von außen geplant und gesteuert worden.

Dafür ist die historische Wirklichkeit zu komplex.

Der Maidan war gleichzeitig:

  • eine echte ukrainische Massenbewegung,
  • ein Machtkampf innerhalb der Ukraine,
  • ein geopolitischer Konflikt,
  • ein Schauplatz westlicher Einflussnahme,
  • und ein Schauplatz russischer Einflussnahme.

Diskussion

Die angemessenste Beschreibung dürfte deshalb zwischen den Extremen liegen.

Man muss weder behaupten:

„Die USA haben den Maidan einfach inszeniert.“

noch:

„Der Westen hatte mit den Ereignissen überhaupt nichts zu tun.“

Die Ukraine war ein eigenständiger politischer Akteur – aber zugleich Gegenstand intensiver geopolitischer Einflussnahme.

Nach dem Machtwechsel annektierte Russland die Krim.

Im Donbass begann ein Krieg.

Die Minsker Vereinbarungen sollten ihn politisch lösen.

Sie scheiterten.

Meinung A – Minsk war eine verpasste Friedenschance

Wenn Minsk konsequent umgesetzt worden wäre, hätte möglicherweise ein politischer Kompromiss entstehen können.

Meinung B – Minsk war aufgrund gegensätzlicher Interessen kaum tragfähig

Beide Seiten interpretierten zentrale Punkte unterschiedlich.

Die Sicherheitslage blieb instabil.

Das gegenseitige Misstrauen war zu groß.

Zwischenfazit

Sicher ist nur:

Der Konflikt von 2014 wurde nicht dauerhaft gelöst.

Damit entstand eine offene Wunde, die 2022 wieder aufbrach.

7. 2022 bis heute: Waffen, Sanktionen und der Abnutzungskrieg

Am 24. Februar 2022 begann Russland die großangelegte Invasion der Ukraine.

Hier sollte eine wichtige Unterscheidung vorgenommen werden.

Meinung A – Russland trägt die unmittelbare Verantwortung für die Invasion

Diese Position verweist darauf, dass Russland die Entscheidung zum großangelegten militärischen Angriff getroffen hat.

NATO-Erweiterung, westliche Politik oder russische Sicherheitsinteressen erklären möglicherweise die Vorgeschichte.

Sie machen den Angriff aber nicht automatisch rechtmäßig.

Meinung B – Die Vorgeschichte darf nicht ausgeblendet werden

Wer nur den 24. Februar 2022 betrachtet, versteht nicht, warum Russland und der Westen bereits seit Jahren in einen immer härteren Konflikt geraten waren.

NATO-Erweiterung, Maidan, Krim, Donbass und die gescheiterten Minsker Vereinbarungen gehören zur Vorgeschichte.

Diskussion

Die beiden Positionen schließen sich nicht aus.

Man kann gleichzeitig sagen:

Russland trägt die Verantwortung für die Entscheidung zur Invasion.

und:

Die Ursachen der Konfrontation reichen erheblich weiter zurück.

Genau diese Differenzierung ist notwendig, wenn man nicht in einfache Freund-Feind-Erzählungen abrutschen will.

Seit 2022 entwickelte sich der Krieg zunehmend zu einem Abnutzungskrieg.

Meinung A – Die militärische Unterstützung der Ukraine ist notwendig

Ohne westliche Waffen könnte die Ukraine möglicherweise militärisch zusammenbrechen.

Dann könnte Russland seine Kriegsziele weitgehend durchsetzen.

Meinung B – Die Waffenlieferungen verlängern den Krieg

Je mehr Waffen geliefert werden, desto länger kann die Ukraine kämpfen.

Damit steigen möglicherweise auch die Opferzahlen und das Risiko einer direkten NATO-Russland-Konfrontation.

Meinung C – Der entscheidende Faktor ist das politische Endziel

Die entscheidende Frage ist nicht nur:

„Wie viele Waffen können wir liefern?“

Sondern:

„Welches politische Ziel soll mit diesen Waffen erreicht werden?“

Zwischenfazit

Militärische Unterstützung kann Teil einer Friedensstrategie sein.

Sie wird aber problematisch, wenn der militärische Weg keinen realistischen politischen Endpunkt mehr besitzt.

8. Will der Westen Frieden – oder soll Russland militärisch und wirtschaftlich unter Druck gesetzt werden?

Die Europäische Union erklärt, Frieden erreichen zu wollen.

Gleichzeitig verfolgt sie eine Politik wirtschaftlicher Sanktionen und unterstützt die Ukraine militärisch.

Meinung A – Der Westen will Frieden durch Druck

Die Argumentation lautet:

Russland muss davon überzeugt werden, dass die Fortsetzung des Krieges höhere Kosten verursacht als Verhandlungen.

Deshalb:

  • Sanktionen,
  • Waffenlieferungen,
  • wirtschaftlicher Druck,
  • militärische Unterstützung der Ukraine.

Diese Politik soll Russlands Verhandlungsbereitschaft erhöhen.

Meinung B – Die Strategie droht zum Selbstzweck zu werden

Wenn Russland trotz zunehmenden Drucks nicht nachgibt, könnte der Westen immer weitere Maßnahmen beschließen.

Russland reagiert seinerseits.

Damit kann aus einer Druckstrategie ein dauerhafter Abnutzungskrieg entstehen.

Meinung C – Der Westen verfolgt mehrere Ziele gleichzeitig

Möglicherweise gibt es gar keine einheitliche „westliche Strategie“.

USA, Deutschland, Frankreich, Polen, Großbritannien und andere Staaten besitzen unterschiedliche Interessen und Risikowahrnehmungen.

Auch innerhalb der NATO und EU gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie weit militärische Unterstützung gehen sollte.

Diskussion

Die Frage

„Will der Westen Frieden?“

ist deshalb möglicherweise zu undifferenziert.

Die interessantere Frage lautet:

Welche Art von Frieden soll erreicht werden – und welchen Preis ist der Westen bereit, dafür zu akzeptieren?

Ein Frieden, bei dem Russland militärisch belohnt wird, wird in vielen westlichen Staaten als gefährlich angesehen.

Ein Frieden, bei dem die Ukraine alle verlorenen Gebiete militärisch zurückerobern muss, könnte dagegen einen jahrelangen Krieg bedeuten.

Dazwischen liegt der diplomatische Raum.

9. Territorien gegen Frieden? Die schwierige Frage eines möglichen Gebietsverzichts

Hier liegt eine der schwierigsten Fragen.

Meinung A – Keine Anerkennung gewaltsamer Gebietsgewinne

Die Ukraine sollte nicht gezwungen werden, Gebiete abzutreten.

Sonst könnte der Eindruck entstehen:

Wer militärisch erobert, wird anschließend belohnt.

Das würde das internationale Gewaltverbot schwächen.

Meinung B – Ein vollständiger ukrainischer Sieg könnte unrealistisch sein

Wenn die vollständige Rückeroberung aller Gebiete militärisch nicht erreichbar ist, stellt sich die Frage:

Soll der Krieg deshalb unbegrenzt weitergehen?

Meinung C – Territorialfragen könnten zunächst eingefroren werden

Ein Waffenstillstand muss nicht automatisch eine endgültige völkerrechtliche Anerkennung der bestehenden Frontlinie bedeuten.

Man könnte vereinbaren:

  • Einstellung der Kampfhandlungen
  • internationale Überwachung
  • keine endgültige Anerkennung der Annexionen
  • Sicherheitsgarantien für die Ukraine
  • langfristige Verhandlungen über die territorialen Fragen.

Diskussion

Das wäre ein schwieriger Kompromiss.

Aber Diplomatie besteht häufig darin, einen Konflikt zunächst dort zu stoppen, wo er militärisch nicht mehr sinnvoll weitergeführt werden kann.

Die zentrale Frage wäre:

Ist ein unvollkommener Frieden besser als ein Krieg ohne absehbares Ende?

Darauf gibt es keine rein technische Antwort.

Es ist eine politische und moralische Entscheidung.

10. Pistorius, Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung: Wie viel Militarisierung verträgt eine Demokratie?

Boris Pistorius hat den Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ in die deutsche Debatte eingebracht.

Meinung A – Kriegstüchtigkeit ist notwendig

Ein Staat kann nur dann glaubwürdig abschrecken, wenn er tatsächlich verteidigungsfähig ist.

Nach dieser Auffassung ist die Wiederherstellung militärischer Fähigkeiten gerade eine Friedensmaßnahme.

Meinung B – Die Sprache der „Kriegstüchtigkeit“ verändert die Gesellschaft

Eine Gesellschaft kann sich an den Gedanken gewöhnen:

Krieg ist wieder normal.

Dann besteht die Gefahr, dass militärische Lösungen politisch leichter akzeptiert werden.

Meinung C – Der Begriff müsste durch „Friedenstüchtigkeit“ ergänzt werden

Deutschland sollte nicht nur lernen, einen Krieg zu führen.

Es sollte auch lernen, einen Krieg zu verhindern.

Dazu gehören:

  • Diplomatie
  • Krisenkommunikation
  • Zivilschutz
  • Katastrophenschutz
  • Cyberabwehr
  • Rüstungskontrolle
  • Konfliktvermittlung.

Diskussion

Verteidigungsfähigkeit und Friedensfähigkeit sind keine Gegensätze.

Ein demokratischer Staat sollte beides besitzen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die stark gestiegene Zahl der Kriegsdienstverweigerungsanträge.

Von Januar bis August 2026 wurden 12.102 Anträge registriert; 2025 waren es 3.879, 2024 2.249.

Was bedeutet das?

Vielleicht nicht, dass eine ganze Generation pazifistisch geworden ist.

Aber es zeigt, dass ein Teil der Bevölkerung die zunehmende Militarisierung mit Sorge betrachtet.

Das Grundgesetz schützt die Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen.

Eine Demokratie muss daher beides aushalten:

Menschen, die bereit sind, ihr Land militärisch zu verteidigen,

und

Menschen, deren Gewissen ihnen verbietet, einen anderen Menschen mit der Waffe zu bekämpfen.

Zwischenfazit

Eine demokratische Gesellschaft sollte nicht nur fragen:

„Wie viele Soldaten bekommen wir?“

Sondern ebenso:

„Wie verhindern wir, dass diese Soldaten jemals kämpfen müssen?“

11. Was kommt auf Europa zu? Drei mögliche Szenarien

Szenario A – Ein neuer Kalter Krieg

Der Ukrainekrieg wird irgendwann eingefroren.

Russland und NATO bleiben Gegner.

Europa rüstet weiter auf.

Sanktionen bleiben teilweise bestehen.

Hybride Angriffe und Spionage nehmen zu.

Ein direkter Krieg wird jedoch vermieden.

Szenario B – Waffenstillstand und schrittweise Entspannung

Die Kampfhandlungen werden beendet.

Territorialfragen bleiben zunächst ungelöst.

Die Ukraine erhält Sicherheitsgarantien.

Russland und Europa nehmen schrittweise Gespräche auf.

Rüstungskontrollvereinbarungen werden neu verhandelt.

Das wäre vermutlich das günstigste realistische Szenario.

Szenario C – Direkte NATO-Russland-Konfrontation

Ein Zwischenfall könnte eine Eskalationsspirale auslösen:

Sabotage.

Militärischer Zwischenfall.

Raketenangriff.

Vergeltung.

Gegenvergeltung.

Und plötzlich wäre die entscheidende Frage:

„Befinden wir uns bereits im Krieg?“

Diskussion

Gerade weil dieses dritte Szenario katastrophale Folgen hätte, sollte europäische Politik nicht nur danach fragen, wie man den Gegner abschreckt.

Sie muss ebenso fragen:

Wie schafft man Eskalationsbremsen?

12. Wie lässt sich eine direkte Konfrontation zwischen NATO und Russland verhindern?

Meinung A – Durch maximale Abschreckung

Je stärker die NATO ist, desto weniger wahrscheinlich ist ein russischer Angriff.

Die Botschaft:

„Ein Angriff würde sich nicht lohnen.“

Meinung B – Durch Entspannung und militärische Zurückhaltung

Je weniger NATO und Russland unmittelbar militärisch aufeinandertreffen, desto geringer ist das Risiko einer Fehlkalkulation.

Die Botschaft:

„Wir wollen keinen Krieg und schaffen deshalb möglichst viele Sicherheitsabstände.“

Meinung C – Durch beides

Eine dritte Position erscheint möglicherweise am realistischsten:

Starke Verteidigung plus starke Diplomatie.

Nicht entweder/oder.

Sondern:

Abschreckung und Entspannung gleichzeitig.

Dazu gehören:

  • glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit
  • direkte Kommunikationskanäle
  • Rüstungskontrolle
  • militärische Transparenz
  • Manöverankündigungen
  • gegenseitige Inspektionen
  • klare rote Linien
  • diplomatische Gesprächskanäle.

Zwischenfazit

Die europäische Sicherheitsordnung braucht wieder eine Fähigkeit, die während des Kalten Krieges trotz aller Konfrontation vorhanden war:

mit dem Gegner zu reden, ohne ihm zu vertrauen.

13. Was kann die Bevölkerung tun? Demonstration, öffentliche Debatte und Wahlentscheidung

Sollte die Bevölkerung für Frieden demonstrieren?

Meinung A – Ja, unbedingt

Demonstrationen sind ein legitimes demokratisches Mittel.

Wer weitere Waffenlieferungen ablehnt, darf dies öffentlich sagen.

Wer Verhandlungen mit Russland fordert, darf dies ebenfalls tun.

Meinung B – Friedensbewegungen müssen auch Antworten geben

„Keine Waffen mehr“ allein ist keine vollständige Friedensstrategie.

Denn dann folgt die Gegenfrage:

Was passiert, wenn Russland weiter angreift?

Meinung C – Friedenspolitik muss konkrete Alternativen formulieren

Eine ernsthafte Friedensbewegung könnte fordern:

  • Waffenstillstand
  • Verhandlungen
  • Sicherheitsgarantien für die Ukraine
  • Gefangenenaustausch
  • humanitäre Vereinbarungen
  • Rüstungskontrolle
  • direkte Gespräche mit Russland
  • eine neue europäische Sicherheitsordnung.

Diskussion

Eine demokratische Friedensbewegung muss nicht jede Position der Bundesregierung übernehmen.

Sie sollte aber auch nicht so tun, als gäbe es keine Sicherheitsprobleme.

Ebenso wenig sollte die Regierung behaupten, jede Kritik an ihrer Ukrainepolitik sei naiv oder gefährlich.

Demokratie bedeutet gerade:

Sicherheitspolitik darf und muss kontrovers diskutiert werden.

Das gilt auch für Wahlen.

Meinung A – Friedenspolitik sollte ein entscheidendes Wahlkriterium sein

Das ist demokratisch vollkommen legitim.

Meinung B – Man sollte nicht allein nach Friedensrhetorik wählen

Entscheidend sind konkrete Konzepte:

Wie soll der Krieg beendet werden?

Welche Waffenlieferungen werden unterstützt?

Wo liegen die Grenzen deutscher Beteiligung?

Wie soll die Ukraine geschützt werden?

Wie soll mit den besetzten Gebieten umgegangen werden?

Wie soll das Verhältnis zu Russland künftig aussehen?

Zwischenfazit

Nicht die Partei mit den friedlichsten Worten sollte gewählt werden.

Sondern die Partei mit dem glaubwürdigsten und realistischsten Friedenskonzept.

14. Eine neue europäische Friedensordnung – einschließlich Russland

Hier stellt sich die vielleicht grundlegendste Frage:

Kann es einen dauerhaften Frieden in Europa ohne Russland geben?

Russland wird nicht verschwinden.

Es bleibt Europas Nachbar.

Es bleibt eine militärische Großmacht.

Es bleibt eine Atommacht.

Eine dauerhafte europäische Sicherheitsordnung muss deshalb langfristig auch Russland berücksichtigen.

Meinung A – Russland muss zunächst isoliert und geschwächt werden

Nach dieser Auffassung darf Russland nicht für seine Aggression belohnt werden.

Erst wenn seine militärische Macht begrenzt ist, kann eine neue Sicherheitsordnung entstehen.

Meinung B – Ohne Russland ist eine europäische Sicherheitsordnung nicht dauerhaft möglich

Russland kann nicht dauerhaft aus Europa „hinausgedacht“ werden.

Eine Sicherheitsordnung, die einen zentralen militärischen Akteur ausschließt, bleibt instabil.

Meinung C – Einbeziehung bedeutet nicht Nachgeben

Das ist möglicherweise der entscheidende Mittelweg.

Russland muss Teil der europäischen Sicherheitsordnung sein.

Aber Russland darf daraus kein Recht ableiten, über die Außenpolitik seiner Nachbarn zu bestimmen.

Genauso wenig sollte der Westen davon ausgehen, dass Russlands Sicherheitsinteressen grundsätzlich illegitim seien.

Diskussion

Eine mögliche zukünftige Ordnung müsste daher mehrere Prinzipien miteinander verbinden:

  1. Die Ukraine bleibt souverän.
  2. Grenzen dürfen nicht mit Gewalt verändert werden.
  3. Die Ukraine erhält belastbare Sicherheitsgarantien.
  4. Russland darf seine Nachbarn nicht militärisch dominieren.
  5. Legitime russische Sicherheitsinteressen werden diplomatisch berücksichtigt.
  6. NATO bleibt ein Verteidigungsbündnis.
  7. NATO und Russland erhalten neue Mechanismen der Rüstungskontrolle.
  8. Militärische Transparenz wird wiederhergestellt.
  9. Territoriale Streitfragen können notfalls langfristig offengehalten werden.
  10. Sanktionen können an überprüfbare Schritte eines Friedensprozesses gekoppelt werden.

Das wäre kein vollständiger Sieg einer Seite.

Vielleicht wäre es gerade deshalb ein realistischer Frieden.

Schluss: Von der „Kriegstüchtigkeit“ zur „Friedenstüchtigkeit“

Die gesamte Diskussion führt schließlich zu einem Begriff, der in der gegenwärtigen deutschen Debatte erstaunlich wenig verwendet wird:

Friedenstüchtigkeit.

Deutschland muss verteidigungsfähig sein.

Ein Staat, der sich überhaupt nicht verteidigen kann, lädt möglicherweise zur militärischen Erpressung ein.

Aber Verteidigungsfähigkeit allein schafft keinen Frieden.

Eine friedensfähige Gesellschaft muss ebenso in der Lage sein,

  • mit Gegnern zu verhandeln
  • Konflikte auszuhalten
  • Kompromisse zu entwickeln
  • Feindbilder zu hinterfragen
  • Rüstung zu kontrollieren
  • Krisenkommunikation aufrechtzuerhalten
  • und politische Auswege anzubieten, bevor militärische Eskalation unumkehrbar wird.

Vielleicht liegt hier eine der wichtigsten Lehren aus der europäischen Geschichte seit 1945.

Der Kalte Krieg blieb nicht deshalb kalt, weil NATO und Sowjetunion einander vertrauten.

Sie vertrauten einander gerade nicht.

Aber beide Seiten erkannten irgendwann, dass vollständige Sicherheit gegen den jeweils anderen nicht erreichbar war.

Die eigene Sicherheit musste deshalb zumindest teilweise auch die Sicherheitsinteressen des Gegners berücksichtigen.

Diese Erkenntnis könnte heute wieder aktuell werden.

Denn die größte Gefahr besteht möglicherweise nicht darin, dass eine Seite eines Morgens beschließt:

„Heute beginnen wir den Dritten Weltkrieg.“

Die größere Gefahr könnte eine andere sein.

Jede Seite trifft aus ihrer eigenen Sicht nachvollziehbare Entscheidungen.

Russland fühlt sich bedroht und rüstet auf.

Die NATO sieht die russische Aufrüstung und verstärkt ihre Ostflanke.

Russland sieht die verstärkte NATO-Präsenz und fühlt sich wiederum bestätigt.

Deutschland erhöht seine Verteidigungsausgaben.

Russland intensiviert möglicherweise hybride Operationen.

Deutschland interpretiert diese als Beweis dafür, dass noch mehr Abschreckung notwendig ist.

Jeder einzelne Schritt kann aus der jeweiligen Perspektive rational erscheinen.

Und trotzdem kann das Gesamtergebnis irrational sein:

ein Krieg, den ursprünglich niemand wollte.

Deshalb sollte die politische Diskussion nicht bei der Frage stehen bleiben:

„Wer hat angefangen?“

Auch die Frage:

„Wer ist der Gute und wer der Böse?“

führt allein nicht zu einer Lösung.

Entscheidender sind andere Fragen:

Welche Interessen sind legitim?

Welche Forderungen sind verhandelbar?

Welche roten Linien dürfen nicht überschritten werden?

Wie kann die Ukraine dauerhaft sicher sein?

Wie kann Russland daran gehindert werden, seine Interessen mit militärischer Gewalt durchzusetzen?

Und wie kann gleichzeitig verhindert werden, dass Russland und die NATO direkt miteinander Krieg führen?

Das bedeutet auch, die deutsche Ukrainepolitik immer wieder kritisch zu prüfen.

Nicht jede Waffenlieferung ist automatisch Kriegstreiberei.

Aber auch nicht jede Waffenlieferung ist automatisch Friedenspolitik.

Entscheidend muss die Frage sein:

Welchem politischen Ziel dient sie?

Wenn militärische Unterstützung dazu beiträgt, dass die Ukraine nicht zur Kapitulation gezwungen werden kann, kann sie Teil einer Friedensstrategie sein.

Wenn militärische Unterstützung dagegen nur noch dazu dient, einen Krieg ohne realistisches politisches Endziel immer weiterzuführen, müsste ihre Sinnhaftigkeit neu bewertet werden.

Dasselbe gilt für Sanktionen.

Dasselbe gilt für Aufrüstung.

Dasselbe gilt für die russische Politik.

Und dasselbe gilt für jede Vorstellung eines militärischen „Sieges“.

Denn irgendwann muss jeder Krieg politisch enden.

Die Frage ist lediglich:

Wie viele Menschen müssen vorher noch sterben?

Vielleicht sollte Deutschland deshalb nicht zwischen „Kriegstüchtigkeit“ und Pazifismus wählen.

Vielleicht braucht es etwas Anspruchsvolleres:

Verteidigungsfähigkeit ohne Kriegsbegeisterung.

Abschreckung ohne Dämonisierung.

Unterstützung der Ukraine ohne Aufgabe diplomatischer Optionen.

Gespräche mit Russland ohne politische Naivität.

Friedensbereitschaft ohne Wehrlosigkeit.

Und schließlich die Bereitschaft, eine unangenehme Wahrheit anzuerkennen:

Russland wird nicht verschwinden.

Die Ukraine wird nicht verschwinden.

Die NATO wird nicht verschwinden.

Europa muss deshalb langfristig eine Ordnung finden, in der diese drei Realitäten nebeneinander bestehen können.

Frieden mit Russland bedeutet dabei nicht Frieden zu russischen Bedingungen.

Und Abschreckung gegenüber Russland bedeutet nicht zwangsläufig Krieg gegen Russland.

Dazwischen liegt der politische Raum, den Europa wiederentdecken muss.

Vielleicht lautet deshalb die entscheidende Frage unserer Zeit nicht:

„Wie werden wir kriegstüchtig?“

Sondern:

„Wie bleiben wir verteidigungsfähig, ohne den Krieg, vor dem wir uns schützen wollen, durch eine unkontrollierte Eskalationsspirale selbst wahrscheinlicher zu machen?“

Und noch grundlegender:

„Wie schaffen wir eine europäische Ordnung, in der niemand mehr glauben muss, seine Sicherheit könne nur auf Kosten der Sicherheit des anderen erreicht werden?“

Wenn Europa darauf eine Antwort findet, wäre das keine Kapitulation.

Es wäre auch keine Beschwichtigung.

Es wäre das, was Politik im Angesicht militärischer Macht eigentlich leisten sollte:

Krieg verhindern, bevor er unvermeidlich erscheint.

Rainer Langlitz

Anmerkung:

Dieser Essay ist vor dem Hintergrund meiner Angst vor einer weiteren Eskalation des Russland-Ukraine-Krieges entstanden.

Heute Morgen am 06. Oktober 2026 nahm ich zwei Online-Artikel zur Kenntnis:

1.) "Zahl der Kriegsdienstverweigerer stark angestiegen" (Tagesschau Online-Artikel vom 06.10.2026 • 05:25 Uhr).
2.) "„Krieg ohne Kriegserklärung“: Was der BND über Russlands Pläne sagt" (Tagesschau Online-Artikel vom 05.10.2026 • 15:40 Uhr).

In Folge dieser beiden Online-Artikel entstand in mir das Bedürfnis, folgende Gedanken zu verarbeiten:

"05.10.2026: Anhörung der Geheimdienst im Deutschen Bundestag

Was hat da stattgefunden?

Wer hat gesprochen?

Hintergrundinformationen zum

a) Bundesnachrichtendienst

b) Verfassungsschutz

c) Militärischen Abwehrdienst

Hintergründe zur Tatsache, dass Deutschland die Ukraine militärisch extrem im Krieg gegen Russland aufrüstet.

Es wird hierbei von einem Schattenkrieg Russlands gegen Deutschland gesprochen. Beispiel: Fund der Drohne am Flughafen Leipzig.

Was kann zum Fund dieser Drohne gesagt werden?

Martin Jäger (BND) sagte in der Anhörung scheinbar, es gäbe derzeit keine Anzeichen, dass Russland beabsichtige, NATO-Territorium anzugreifen. Man sei sich aber nicht sicher, wie sich das Szenario bis 2029 entwickle.

Ist das ein Wunder? Nein! Natürlich nicht! Wenn Deutschland die Ukraine weiterhin derartig aufrüstet, ist es natürlich kein Wunder, wenn Russland in ein paar Jahren Deutschland sogar direkt militärisch angreifen wird. Es wäre nur eine folgerichtige Handlung Russlands, denn aus meiner Sicht geht es um die Existenz Russlands angesichts der historischen Entwicklung und möglicher Absichten der USA seit 2014 (Beteiligung der USA am Putsch in Kiew mit der Folge eines Umsturzes einer pro-russischen Regierung in Kiew und einem Bürgerkrieg gegen russisch-sprachige und stämmige Bürger in der Ukraine. Als weiterer Aspekt muss natürlich die NATO-Osterweiterung in Richtung Russland in Osteuropa gesehen werden.). Und dann würde man sogar noch vielleicht im Jahr 2029 vonseiten der Westalliierten (resp. von der deutschen Regierung) sagen: "Schaut her! Russland greift uns an. Wir haben immer davor gewarnt!" Ja, wäre dies denn dann ein Wunder? Nein! Keineswegs! Es war ein Angriff auf Deutschland ja geradezu provoziert, indem Deutschland der Ideologie verfallen ist, die Ukraine stetig, massiv und exponentiell in militärischer Weise aufzurüsten.

Es soll in diesem Aufsatz auch auf den Aufruf von Boris Pistorius (SPD) gehen, der die (Zivil-) Bevölkerung zur Kriegstüchtigkeit aufgerufen hatte. Hierzu wurde ja das Wehrpflicht-Modernisierungsgesetz verabschiedet. Allerdings las ich heute am 06.10.2026, dass die Zahl der Kriegsdienstverweigerer stark gestiegen ist.

Zu diesen Themen hätte ich gerne einen sehr guten Essay.

Worin ist eine Lösung dieses Krieges in der Ukraine zu sehen?

Wäre ein Landabtritt eines bestimmten Territoriums der Ukraine eine mögliche Lösung?

Will man überhaupt seitens der Westalliierten einen Frieden zwischen der Ukraine und Russland?

Oder setzt man vielmehr bewusst auf eine Konfrontation mit Russland?

Hat man die Absicht, Russland wirtschaftlich zu schwächen, ausbluten zu lassen, indem man glaubt, dann Russland in die Knie zwingen zu können?

Setzt man auf einen Abnutzungskrieg?

Bitte auch eine Aufarbeitung und Darstellung der historischen Entwicklung von 1945 bis dato (in kurzen Etappen, übersichtlich und auf die für diesen Zweck wesentlichen Aspekte).

Was kommt also möglicherweise auf uns in Westeuropa zu?"

Aus diesen Gedanken ist obiger Essay entstanden.

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