Das Phänomen der Bisexualität

„Ein bisschen 'bi' schadet nie!“ – Die Zeiten ändern sich, oder?
Wie stehen Sie zu Bisexuellen?
Einleitung
Bisexualität ist keineswegs eine Erscheinung unserer modernen, vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft. Schon seit Jahrhunderten finden sich Berichte, Beobachtungen und Vorstellungen darüber, dass Menschen sich nicht ausschließlich zum eigenen oder ausschließlich zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen. Dennoch scheint gerade die Bisexualität bis heute eine besondere Stellung einzunehmen: Sie wird häufig übersehen, missverstanden, infrage gestellt oder lediglich als vorübergehende Phase zwischen Hetero- und Homosexualität betrachtet.
Dabei stellt sich eine interessante Frage: Wie eindeutig ist menschliche Sexualität tatsächlich? Sind Menschen wirklich grundsätzlich entweder heterosexuell oder homosexuell – oder gibt es zwischen diesen beiden Polen wesentlich mehr Abstufungen und individuelle Lebensformen?
Bereits Sigmund Freud beschäftigte sich mit der Vorstellung einer ursprünglichen Bisexualität des Menschen. Jahrzehnte später sorgten die Untersuchungen des amerikanischen Sexualwissenschaftlers Alfred Kinsey für Aufsehen. Seine berühmte Kinsey-Skala stellte sexuelle Orientierung nicht als starre Einteilung in zwei Kategorien dar, sondern als Kontinuum mit zahlreichen Zwischenstufen. Auch spätere Untersuchungen und gesellschaftliche Entwicklungen haben immer wieder die Frage aufgeworfen, wie verbreitet bisexuelle Empfindungen tatsächlich sind und in welchem Verhältnis sexuelle Anziehung, sexuelle Erfahrung und die persönliche Identität zueinander stehen.
Doch Bisexualität ist nicht nur ein Thema der Sexualwissenschaft. Sie berührt ebenso gesellschaftliche Normen, persönliche Freiheit, Partnerschaft, Liebe, Religion und die Frage, wie offen Menschen mit ihren eigenen Wünschen und Empfindungen umgehen können. Gerade hier zeigt sich, dass sich die Zeiten zwar verändern – bestimmte Vorstellungen und Vorurteile aber erstaunlich langlebig sein können.
Was bedeutet es also, bisexuell zu sein? Ist „ein bisschen bi“ tatsächlich nur eine harmlose Redewendung? Gibt es mehr Menschen mit bisexuellen Empfindungen, als gemeinhin angenommen wird? Und welche Antworten lassen sich darauf aus Wissenschaft, Geschichte, Gesellschaft und Bibel gewinnen?
Diesen Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen – und dabei auch persönliche Beobachtungen und Erfahrungen nicht ausklammern.
„Ein bisschen bi schadet nie!“ – aber vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was hinter diesem Satz eigentlich steckt.
Hauptteil
Zitat aus dem Stern aus dem Jahr 2001:
„Am besten geht es natürlich den Menschen, die wirklich bisexuell sind und das auch ausleben. Ein Freund von mir lebt seit einigen Jahren mit einem Mann in einer festen Partnerschaft, gönnt sich aber zwischendurch immer mal wieder eine Affäre mit einer Frau.
Eine ehemalige Kommilitonin von mir war verheiratet, hat ein Kind bekommen und ein ganz normales Leben gelebt. Plötzlich verliebte sie sich in eine Arbeitskollegin, verließ ihren Mann und lebte fast 3 Jahre mit dieser Frau zusammen. Vor kurzem entdeckte sie während eines Klassentreffens ihre Jugendliebe wieder: einen Mann...“
Zitat Ende.
Link und Quellenangabe:
https://www.stern.de/fotografie/akt/sexgefluester-ein-bisschen-bi-schadet-nie--3961600.html
Kennen Sie den Kinsey-Bericht (Report)? Link zu Wikipedia.
Als Kinsey-Reports bezeichnet man zwei Bücher des US-amerikanischen Zoologen und Sexualforschers Alfred Charles Kinsey über das menschliche Sexualverhalten aus den 1950er-Jahren:
Sexual Behavior in the Human Male (1948; deutsch: Das sexuelle Verhalten des Mannes, 1955)
Sexual Behavior in the Human Female (9. September 1953; deutsch: Das sexuelle Verhalten der Frau, 1954).
Gemäß Kinsey ist etwa die Hälfte der Bevölkerung zu einem gewissen Grad bisexuell.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang die "Kinsey-Skala"?
Die Kinsey-Skala ist ein Modell, mit dem der Sexualforscher Alfred Kinsey und seine Kollegen ab den 1940er-Jahren sexuelle Orientierung beschrieben haben.
Sie reicht klassischerweise von 0 bis 6:
0 ausschließlich heterosexuell
1 überwiegend heterosexuell, nur gelegentlich gleichgeschlechtlich
2 überwiegend heterosexuell, aber deutlich gleichgeschlechtlich
3 gleichermaßen hetero- und homosexuell
4 überwiegend homosexuell, aber deutlich heterosexuell
5 überwiegend homosexuell, nur gelegentlich heterosexuell
6 ausschließlich homosexuell
Zusätzlich gibt es „X“ für Personen, die keine sexuellen Kontakte bzw. Reaktionen angeben.
Besonders bekannt ist Kinseys Ergebnis, dass 11,6 % der weißen Männer im Alter von 20–35 Jahren für diesen Lebensabschnitt als Kinsey 3 eingestuft wurden. Außerdem lagen etwa 10 % der Männer zumindest während eines Zeitraums von drei Jahren zwischen 16 und 55 im Bereich 5–6.

Bei Frauen war die Verteilung anders: Kinsey fand beispielsweise bei 20–35-jährigen alleinstehenden Frauen etwa 7 % auf Stufe 3, bei zuvor verheirateten Frauen etwa 4 %. Für Frauen berichtete er außerdem 2–6 % auf Stufe 5 und 1–3 % auf Stufe 6 (bei unverheirateten Frauen).
Kinsey veröffentlichte für Frauen keine vollständige, direkt mit der Männer-Tabelle vergleichbare Prozentverteilung für jede Stufe 0–6. Die oft genannten Zahlen beziehen sich auf bestimmte Gruppen und Zeiträume.

Was Kinsey daraus besonders interessant fand
Bei Frauen zeigte sich nach seinen Daten eine größere sexuelle Variabilität innerhalb des heterosexuellen Bereichs. Beispielsweise hatten 4–11 % der unverheirateten Frauen und 1–2 % der verheirateten Frauen zwischen 20 und 35 gleich häufig homosexuelle wie heterosexuelle Reaktionen bzw. Erfahrungen.
Noch bemerkenswerter: 2–6 % der unverheirateten Frauen wurden von Kinsey als während dieses gesamten Zeitraums „mehr oder weniger ausschließlich homosexuell“ eingestuft; 1–3 % sogar als ausschließlich homosexuell.
Das ist auch der Grund, warum man bei Kinsey vorsichtig sein muss, wenn man aus seinen Daten einfach eine heutige Verteilung von „hetero / bi / lesbisch“ ableiten möchte. Seine Skala erfasste sexuelle Erfahrungen und psychosexuelle Reaktionen, nicht die heutige Selbstidentifikation.
Das Interessante an Kinseys ursprünglicher Vorstellung: Er ging gerade nicht davon aus, dass es nur „hetero“ und „homo“ gibt. Er sah sexuelle Reaktionen als Kontinuum, wobei die mittleren Stufen 1–5 reale Zwischenformen darstellen.
Vgl. dazu Kinsey-Institute, Indiana University
Link und Quellenangabe:
https://www.kinseyinstitute.org/research/publications/kinsey-scale.html
Sigmund Freud hatte bereits 1915 die These aufgestellt, dass die ursprüngliche Anlage des Menschen bisexuell sei.
„Der Psychoanalyse erscheint […] die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder der anderen Seite der normale [d. h. heterosexuelle] wie der Inversionstypus [d. h. der homosexuelle] entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit […]“[1]
Wikipedia, Art. Bisexualität, Aufruf vom 26.01.2021:
„Wie hoch der Anteil der Bisexualität in der Bevölkerung ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Aussagen in der Literatur bewegen sich weit auseinander. Vielfach wird der Kinsey-Report zitiert, der 1948 etwa 46 % der männlichen Bevölkerung[7] als „bis zu einem gewissen Grad bisexuell“ einstufte. Tatsächlich werden bisexuelle Orientierungen eher selten ausgelebt. Einige Sexualwissenschaftler erklären dies mit der Durchsetzung einer monosexuellen Norm bzw. Heteronormativität in unserer Kultur.[8][9]
Eine britische Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem Jahr 2015 ergibt einen Anteil von 19 % Bisexuellen (Personen, die sich selbst auf der Kinsey-Skala im Bereich von 1 bis 5 einstufen), bei den 18- bis 24-Jährigen sogar 43 % Bisexuelle.[10][11] Dabei benutzen nur zwei Prozent der Befragten die Bezeichnung „bisexuell“ für sich selbst.[12] Eine Studie der Universität Essex um Gerulf Rieger kam zu dem Schluss, dass 74 % der Frauen, welche sich als heterosexuell bezeichnen, und insgesamt 82 % aller Frauen bisexuell seien. In der Untersuchung wurden körperliche Reaktionen (wie geweitete Pupillen) auf das Betrachten nackter Menschen in Videos untersucht.[13][14][15]
Die TAZ-Redakteurin Saskia Hödl wies in einem Kommentar darauf hin, dass in einer anderen Studie ähnliche körperliche Reaktionen allerdings auch beim Betrachten von Videos kopulierender Affen nachweisbar gewesen wären.[15]
[…]
In manchen Gesellschaften, wie der griechisch-römischen Antike oder der islamischen Welt, galt die erotische Anziehung zu zwei Geschlechtern als nahezu universelle Norm.[23] Die ausschließliche Fixierung auf ein Geschlecht, heute als Homosexualität und Heterosexualität bezeichnet, wurde nur selten zum Thema gemacht. Wo dies geschah, etwa in Pseudo-Lukians Die Arten zu lieben, ist die ironische Intention des Autors unverkennbar. So wird der eine von zwei Diskutanten in diesem fiktiven Dialog aus dem beginnenden vierten Jahrhundert n. Chr. mit dem Stigma der Effeminiertheit bedacht, weil sich sein erotisches Interesse ausschließlich auf Frauen richtet, während der andere als Kauz erscheint, da er aufgrund seiner sexuellen Neigungen einen rein männlichen Haushalt führt.
Auch viele islamische Geistliche des Mittelalters sahen, obwohl sie den gleichgeschlechtlichen Verkehr gemäß ihrer Religion als schwere Sünde bewerteten, die erotische Anziehung gegenüber zwei Geschlechtern als eine Grundgegebenheit des menschlichen Daseins an. So schreibt der im Jahr 1201 n. Chr. verstorbene hanbalitische Rechtsgelehrte Ibn al-Dschauzī: „Derjenige, der behauptet, dass er keine Begierde empfindet [wenn er schöne Knaben erblickt], ist ein Lügner, und wenn wir ihm glauben könnten, wäre er ein Tier, nicht ein menschliches Wesen.“
Zitat Ende.
Gibt es Hinweise zur Bisexualität in der Bibel?
Zitat aus meinem Buch „Gott ist Gott. Die Bedeutung der Kommunikation zwischen Gott, Mensch und Welt“:
„Im Neuen Testament gibt es drei kurze Sätze, und zwar im Römerbrief 1,26, 1. Korintherbrief 6,9 und in 1. Timotheusbrief 1,10. An allen drei Stellen geht es darum, dass sich die römisch-hellenistische Oberschicht "alles" erlaubt. Nicht einmal den Reichen und Glücklichen gelingt es, den Schöpfer zu preisen für ihr Glück. Stattdessen versuchen sie in undankbarer Weise ihr Glück noch auf die Spitze zu treiben, indem sie sogar bereit sind, in bewusster Weise ihre eigentliche heterosexuelle Identität mehr oder weniger zugunsten einer homosexuellen (bzw. man müsste es dann besser als eine bisexuelle) Lebensweise aufzugeben. Man könnte es auch so formulieren, dass Paulus es kritisiert, dass diese Oberschicht sich sexuell ausprobieren will. Es geht hier also um die Tatsache, dass diese ihren "natürlichen" Trieb vertauscht haben in dem Sinne, dass Paulus davon ausgeht, dass sie eigentlich heterosexuell sind, aber auch ihre homosexuellen Empfindungen ausleben wollen. Man könnte also auch zu dem Resümee kommen, dass es hier um die Frage geht, inwieweit es tolerierbar ist, bisexuelle Empfindungen auszuleben in Zusammenhang mit dem Glauben an den Schöpfer. Paulus ist hier der Auffassung, dass der Glaube an den Schöpfer mit Bisexualität nicht zu vereinbaren sei.“
Zitat Ende.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass es sehr viele Bisexuelle gibt. Ich selbst kenne allein schon sehr viele aus meinem direkten Bekanntenkreis.
Darüber hinaus habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Männer, die sich anfangs als rein heterosexuell gegeben und gegenüber Gleichgeschlechtlichkeit gleichzeitig sehr abfällig mit „Igitt Igitt – Wie kann man nur schwul sein…!" geäußert haben, als großartige schwule Männer entwickelt haben. Mit anderen Worten: diese Männer waren zunächst nach außen hin „heterosexuell“ und anschließend bezeichneten sie sich sogar als schwul (gleichgeschlechtlich sexuell liebend).
Ich weiß sehr gut, dass die Sehnsucht nach gleichgeschlechtlicher Liebe und Sexualität sowohl bei Frauen als auch bei Männern sehr groß ist.
„Ein bisschen bi schadet nie…!“
Schlussteil / Resümee
Manche sehen Bisexualität als Übergangsstadium zur Homosexualität an.
Was bleibt am Ende der Betrachtung über Bisexualität?
Vielleicht zunächst die Erkenntnis, dass menschliche Sexualität weitaus vielfältiger ist, als es einfache Einteilungen vermuten lassen. Die Geschichte, die Sexualwissenschaft und nicht zuletzt die persönlichen Erfahrungen vieler Menschen zeigen, dass sexuelle Empfindungen nicht immer eindeutig und unveränderlich in die Kategorien „heterosexuell“ oder „homosexuell“ einzuordnen sind.
Die Kinsey-Skala war bereits ein bemerkenswerter Versuch, diese Vielfalt sichtbar zu machen. Auch wenn Kinseys Untersuchungen aus heutiger Sicht wissenschaftlich und methodisch kritisch betrachtet werden müssen und seine Zahlen nicht einfach auf die heutige Bevölkerung übertragen werden können, bleibt eine seiner grundlegenden Beobachtungen interessant: Zwischen ausschließlicher Heterosexualität und ausschließlicher Homosexualität gibt es zahlreiche Zwischenformen.
Dabei sollte man allerdings eines nicht vergessen: Bisexualität bedeutet nicht bei jedem Menschen dasselbe. Für manche Menschen besteht eine relativ gleichmäßige Anziehung zu Männern und Frauen, bei anderen überwiegt eine Seite deutlich. Bei wieder anderen können sich Empfindungen und Wünsche im Laufe des Lebens verändern. Sexuelle Orientierung, sexuelle Fantasien, konkrete Erfahrungen und die eigene Identität sind nicht zwangsläufig dasselbe.
Auch die gesellschaftliche Entwicklung ist bemerkenswert. Was früher vielfach verschwiegen oder mit Scham belegt wurde, kann heute offener angesprochen werden. Trotzdem besteht Bisexualität gewissermaßen zwischen den Stühlen: Bisexuelle Menschen erleben nicht selten sowohl aus heterosexuellen als auch aus homosexuellen Zusammenhängen Vorurteile oder Unverständnis. Manchen wird unterstellt, sie seien „eigentlich heterosexuell“, anderen, sie seien „eigentlich homosexuell“. Wieder andere hören, Bisexualität sei lediglich eine Phase oder ein Ausdruck von Unentschlossenheit.
Vielleicht sollten wir deshalb lernen, sexuelle Empfindungen nicht vorschnell bewerten oder in Schubladen stecken zu wollen.
Auch die biblische Perspektive verdient eine differenzierte Betrachtung. Die wenigen neutestamentlichen Stellen, die in diesem Zusammenhang häufig herangezogen werden, sprechen nicht unmittelbar in der heutigen Begrifflichkeit von „Bisexualität“. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn moderne sexuelle Identitätsbegriffe direkt in antike Texte hineingelesen werden. Gleichzeitig kann die Frage nach Sexualität, Begehren, Partnerschaft und dem Verhältnis des Menschen zu Gott nicht einfach ausgeblendet werden. Gerade deshalb lohnt sich eine ernsthafte und offene Auseinandersetzung mit den biblischen Texten, anstatt vorschnelle Antworten zu geben.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung: Wie gehen wir mit der Freiheit und der Vielfalt menschlicher Gefühle um?
Niemand sollte zu einer bestimmten sexuellen Orientierung gedrängt werden. Aber ebenso wenig sollte ein Mensch Angst davor haben müssen, seine eigenen Empfindungen ehrlich wahrzunehmen. Wer feststellt, dass er sich zu Männern und Frauen hingezogen fühlt, muss deshalb nicht automatisch eine bestimmte Schublade übernehmen. Und wer im Laufe seines Lebens neue Seiten seiner eigenen Sexualität entdeckt, muss seine Vergangenheit deshalb nicht für ungültig erklären.
Sexualität ist ein sehr persönlicher Bereich des menschlichen Lebens. Sie betrifft nicht nur körperliches Begehren, sondern ebenso Nähe, Vertrauen, Liebe, Identität und die Sehnsucht nach einem Menschen, mit dem man sich verbunden fühlt.
Deshalb möchte ich am Ende nicht einfach die Aufforderung wiederholen: „Trauen Sie sich mehr zu in Sachen Sexualität!“ Viel wichtiger erscheint mir eine andere Aufforderung:
Trauen Sie sich zu, ehrlich mit sich selbst zu sein.
Hören Sie auf Ihre eigenen Empfindungen. Fragen Sie sich, was Sie wirklich wollen, wen Sie wirklich lieben und welche Ängste möglicherweise von außen an Sie herangetragen wurden. Und begegnen Sie zugleich den Empfindungen anderer Menschen mit Respekt und Diskretion.
Ob jemand heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder noch auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist, sollte nicht zum Anlass genommen werden, einen Menschen abzuwerten.
Vielleicht schadet „ein bisschen bi“ tatsächlich nicht.
Vielleicht schadet vielmehr die Vorstellung, dass jeder Mensch eindeutig und für alle Zeiten in eine einzige Kategorie passen müsse.
Denn am Ende geht es nicht nur um Sexualität. Es geht um die Freiheit, als Mensch ehrlich zu sich selbst zu sein – zu lieben, geliebt zu werden und das eigene Leben verantwortlich zu gestalten.
Und vielleicht ist genau das die Frage, die wir uns alle stellen sollten:
Wovor haben wir eigentlich Angst – und was würde geschehen, wenn wir den Mut hätten, uns selbst und anderen ein wenig mehr Freiheit zuzugestehen?
Trauen Sie sich mehr zu in Sachen Sexualität! Sie leben nur 1x!
Wovor haben Sie Angst?
Fangen Sie an zu leben, zu lieben und zu genießen.
Rainer Langlitz
[1] Sigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Die Studie erschien erstmals im Jahr 1905; das oben gegebene Zitat ist ein Zusatz in der Auflage 1915. Hier zitiert nach: Sigmund Freud, Studienausgabe, Band V Sexualleben. Hrsg. von Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey. Frankfurt am Main (S. Fischer Verlag), 4. Auflage 1972, S. 56.e stehen Sie zu Bisexuellen?
