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Wenn Liebe zur Pflicht wird: Papst Leo XIV., Eheideal und die verdrängte Dimension des Eros

Papst Leo XIV. spricht sich hier für ein „Immer-in-der-Ehe“ aus. Liebe erscheint dabei vor allem als eine Entscheidung – für Christus und beispielsweise auch für die lebenslange Ehe als „Bund“.

https://de.catholicnewsagency.com/news/25755/papst-leo-uber-ehe-liebe-ist-kein-gefuhl-sondern-eine-entscheidung

Was mir dabei auffällt: Kein Wort über die Realität von Gewalt in Ehen, über toxische Beziehungen, Abhängigkeiten oder darüber, dass eine Ehe für manche Menschen gerade nicht der Ort von Geborgenheit und Liebe ist. Stattdessen wird die Ehe idealisiert und romantisiert.

Ich empfinde diese Perspektive deshalb als ausgesprochen realitätsfern.

Liebe ist mehr als Agape und Caritas

Aus meiner Sicht liegt ein grundlegendes Problem darin, dass der Begriff „Liebe“ hier nahezu ausschließlich im Sinne von Agape bzw. Caritas verstanden wird: als selbstlose, fürsorgliche, gebende und dauerhafte Zuwendung.

Doch Liebe hat mehrere Dimensionen.

Eros – die begehrende, sinnlich-erotische Liebe – gehört ebenso zur menschlichen Existenz wie Agape. Im Lateinischen lässt sich vereinfacht zwischen eros / amor und agape / caritas unterscheiden. Beide Perspektiven beschreiben unterschiedliche Dimensionen dessen, was wir im Deutschen mit dem Wort „Liebe“ bezeichnen.

Wenn eine dieser Dimensionen praktisch ausgeblendet wird, entsteht ein verkürztes Bild von Liebe.

Genau darin sehe ich eine Form von Leib- und Sexualitätsfeindlichkeit: Die körperliche, sinnliche und sexuelle Dimension menschlicher Liebe wird gegenüber der geistig-sozialen und fürsorglichen Dimension zurückgedrängt.

Es entsteht der Eindruck, als müsse Sexualität erst durch Ehe, lebenslange Bindung und moralische Verpflichtung legitimiert werden, um überhaupt als „gute“ Liebe gelten zu können.

Doch Liebe ist eben auch körperliche und sexuelle Hingabe. Sie besteht nicht ausschließlich in einem lebenslangen Versprechen und führt nicht zwangsläufig zur Ehe.

Das Hohelied: Erotik mitten in der Bibel

Dabei enthält gerade die Bibel selbst eine bemerkenswert erotische Liebesdichtung: das Canticum canticorum, das Hohelied.

Dort wird körperliches Begehren keineswegs verschämt verschwiegen. Im Gegenteil: Das Hohelied beschreibt die gegenseitige Anziehung, Sehnsucht, körperliche Schönheit, Berührung und Leidenschaft zwischen Mann und Frau in ausgesprochen bildhafter Sprache.

Besonders deutlich wird dies beispielsweise in:

  • Hld 1,2–4: Die Frau sehnt sich nach den Küssen ihres Geliebten und beschreibt ihre körperliche Anziehung.
  • Hld 2,3–6: Nähe, körperliche Geborgenheit und Begehren werden in sinnlichen Bildern beschrieben.
  • Hld 4,1–7: Der Mann beschreibt ausführlich die körperliche Schönheit der Frau.
  • Hld 4,8–5,1: Der „Garten“ erscheint als wiederkehrendes erotisches Bild; Hld 5,1 wird vielfach im Zusammenhang mit sexueller Vereinigung interpretiert.
  • Hld 5,2–8: Die Frau schildert eine von starkem Begehren geprägte nächtliche Szene.
  • Hld 6,2–3: Erneut begegnet das Bild des Gartens und die gegenseitige Zugehörigkeit der Liebenden.
  • Hld 7,2–10: Der Körper der Frau wird ausführlich und sinnlich beschrieben; das sexuelle Verlangen des Mannes wird offen ausgesprochen.
  • Hld 7,11–14: Die Frau lädt ihren Geliebten dazu ein, mit ihr hinauszugehen und gemeinsam zu sein.
  • Hld 8,1–3: Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Umarmung wird zum Ausdruck gebracht.
  • Hld 8,6–7: Liebe und Leidenschaft werden schließlich als überwältigende und nicht auszulöschende Kräfte beschrieben.

Das ist bemerkenswert: Die Bibel selbst kennt also eine Sprache der körperlichen und erotischen Liebe, die sich nicht einfach auf die abstrakte Vorstellung eines lebenslangen Versprechens reduzieren lässt.

Eros und Agape

Auch die unterschiedliche Verwendung der Begriffe Eros und Agape ist theologisch interessant.

Der Begriff Eros kommt im griechischen Neuen Testament nicht vor. Das Neue Testament spricht überwiegend von agape bzw. verwandten Begriffen. Daraus lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres ableiten, dass Sexualität oder erotisches Begehren grundsätzlich abgelehnt werden sollten.

Vielmehr entwickelt das Neue Testament ein bestimmtes Verständnis von Liebe: Agape bezeichnet insbesondere eine gebende, selbstlose und schöpferische Zuwendung. Diese Vorstellung steht in engem Zusammenhang mit der jüdischen Tradition von Bundestreue, Barmherzigkeit und Gottesliebe.

Eros und Agape sind jedoch keine zwingenden Gegensätze.

Eros und Leiblichkeit gehören zur menschlichen Existenz. Sie deshalb grundsätzlich abzuwerten oder gegenüber einer vermeintlich „höheren“ Form der Liebe zurückzustellen, halte ich für problematisch.

Auch Platon ist in dieser Hinsicht differenzierter, als es manchmal dargestellt wird. In seiner Eros-Lehre, etwa im Symposion, kann sinnliche Liebe gerade der Ausgangspunkt für eine Bewegung hin zum Schönen und Guten sein. Körperliches Begehren und geistige Entwicklung müssen also nicht zwangsläufig Gegensätze sein.

Die lange Tradition christlicher Körper- und Sexualmoral

Das Christentum hat im Laufe seiner Geschichte eine sehr ausgeprägte Sexualmoral entwickelt. Sie beruht unter anderem auf bestimmten neutestamentlichen Aussagen, späteren theologischen Interpretationen und kirchlichen Lehrentwicklungen.

Diese Tradition hat zweifellos auch zu einer problematischen Abwertung von Körperlichkeit und Sexualität beitragen können.

Besonders problematisch wird es meines Erachtens dann, wenn menschliche Sexualität nicht als Bestandteil der menschlichen Person akzeptiert, sondern vor allem als etwas betrachtet wird, das kontrolliert, eingeschränkt oder moralisch legitimiert werden muss.

Die Frage stellt sich deshalb: Warum sollte körperliches Begehren grundsätzlich einen geringeren Stellenwert haben als die fürsorgliche oder geistige Dimension der Liebe?

Und was ist mit der Sexualität der Priester?

An dieser Stelle stellt sich auch eine weitere, innerhalb der katholischen Kirche häufig kontrovers diskutierte Frage: die Sexualität von Priestern und Ordensleuten.

Es ist bekannt, dass es unter Priestern und Ordensleuten homosexuelle Menschen gibt. Ebenso gibt es Berichte und persönliche Erfahrungsberichte über homosexuelle Beziehungen innerhalb kirchlicher und klösterlicher Gemeinschaften.

Gerade deshalb erscheint mir die kirchliche Haltung zur Sexualität teilweise widersprüchlich: Einerseits wird Sexualität moralisch streng reguliert und teilweise tabuisiert, andererseits existiert innerhalb der Kirche selbstverständlich eine große Vielfalt menschlicher sexueller Orientierung und Bedürfnisse.

Problematisch kann eine solche Situation insbesondere dann werden, wenn Menschen ihre eigene Sexualität als etwas Verwerfliches erleben und sie deshalb verdrängen, verleugnen oder zwanghaft unterdrücken.

Die Diskussion über sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche hat gezeigt, wie zerstörerisch institutionelle Strukturen, Machtmissbrauch, Tabuisierung und ein fehlender offener Umgang mit Sexualität sein können.

Dabei wäre es allerdings falsch, Homosexualität pauschal mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen. Homosexualität ist selbstverständlich keine Ursache von Missbrauch. Die eigentlichen Probleme liegen bei Machtmissbrauch, Grenzverletzungen, Gewalt, fehlender Kontrolle und institutionellem Versagen.

Gerade deshalb braucht es einen offenen und realistischen Umgang mit Sexualität – und keine weitere Verdrängung.

Liebe führt nicht zwangsläufig zur Ehe

„Liebe“ ist meines Erachtens sehr wohl auch ein erotisches und sexuelles Gefühl, ein körperliches Bedürfnis und eine Form von Begehren.

Sie ist nicht ausschließlich ein lebenslanges Versprechen.

Und sie führt auch nicht zwangsläufig zur Ehe.

Eine Ehe einzugehen, kann für Menschen eine wunderbare Entscheidung sein. Sie kann aber ebenso problematisch werden. Trennungen und Scheidungen können emotional, psychisch und finanziell außerordentlich belastend sein. Nicht jede Beziehung ist dauerhaft tragfähig, und nicht jede Ehe ist automatisch ein Ort von Liebe, Sicherheit und Glück.

Deshalb halte ich es für problematisch, die lebenslange Ehe als eine Art universelle Lösung für die menschliche Liebe darzustellen.

Menschen sind unterschiedlich. Beziehungen sind unterschiedlich. Liebe ist unterschiedlich.

Was für einen Menschen funktioniert, kann für einen anderen Menschen geradezu zerstörerisch sein.

Die Illusion der romantischen Liebesbeziehung

Video-Hinweis:
Rainer Langlitz: Von der Illusion der romantischen Liebesbeziehung und vom Wert der Individuation

Die dort angesprochene Frage ist auch für die kirchliche Ehevorstellung relevant: Was geschieht, wenn Menschen von einer romantischen Vorstellung der „einzig wahren“ und lebenslangen Liebe ausgehen und daraus eine Verpflichtung für das gesamte Leben ableiten?

Vielleicht braucht es weniger romantische Idealisierung und mehr Realismus.

Vielleicht bedeutet erwachsene Liebe nicht zwangsläufig, sich für ein bestimmtes institutionelles Modell zu entscheiden, sondern den anderen Menschen in seiner Freiheit, Körperlichkeit, Individualität und Veränderlichkeit ernst zu nehmen.

Was bleibt vom kirchlichen Liebesverständnis?

Genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt der Kritik an den Aussagen von Papst Leo XIV.

Wenn Liebe nahezu ausschließlich als Entscheidung, Verpflichtung, Bund und lebenslange Treue verstanden wird, geht ein wesentlicher Teil dessen verloren, was menschliche Liebe überhaupt ausmacht.

Liebe ist nicht nur Entscheidung.
Liebe ist nicht nur Fürsorge.
Liebe ist nicht nur Agape.
Liebe ist nicht nur Ehe.

Liebe ist auch sexuelles Begehren, und Liebe ist erstrecht auch ein Gefühl.

Rainer Langlitz

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