Blog

Blog: Aktuelle News, Praxis-Tipps und Trends – jetzt lesen & mitdiskutieren!

Resilienz – Die Kunst, trotz allem wieder aufzustehen

Was ist Resilienz? Und was brauchen wir, um resilient zu sein?

Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Sie haben einen Bandscheibenvorfall erlitten und müssen operiert werden. Sie erhalten einen Operationstermin und begeben sich ins Krankenhaus. Die Ärzte klären Sie über mögliche Komplikationen auf. Sie willigen in die Operation ein. Noch ahnen Sie nichts Schlimmes. Sie gehen mit einem guten Gefühl in den Operationssaal, denn Sie vertrauen darauf, dass Ihnen geholfen wird.

Nach der Operation wachen Sie auf. Doch plötzlich ist nichts mehr so, wie es vorher war: Sie sind querschnittsgelähmt. Den Ärzten ist ein folgenschwerer Fehler unterlaufen.

Ein solches Ereignis ist glücklicherweise selten. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen. Ärzte sind keine Götter, sondern Menschen. Auch sie können Fehler machen, deren Folgen für die Betroffenen dramatisch sein können.

Wie würden Sie mit einer solchen Situation umgehen? Wie würde sich Ihr Leben verändern? Welche Gedanken würden Ihnen durch den Kopf gehen? Würden Sie verzweifeln, mit Ihrem Schicksal hadern oder sich in die Isolation zurückziehen? Oder würden Sie irgendwann versuchen, einen neuen Weg zu finden?

Natürlich lässt sich eine solche Frage nicht einfach beantworten. Solange wir nicht selbst in einer vergleichbaren Situation waren, können wir kaum beurteilen, wie wir tatsächlich reagieren würden.

Doch genau hier beginnt die Frage nach unserer Resilienz.

Wie verletzlich sind wir?

Vielleicht kennen Sie Samuel Koch. Im Dezember 2010 verunglückte er während der Fernsehsendung Wetten, dass..? bei dem Versuch, mit Sprungstelzen über mehrere fahrende Autos zu springen. Bei seinem Sturz erlitt er schwere Verletzungen und ist seitdem vom Hals abwärts weitgehend gelähmt.

Ein solcher Schicksalsschlag verändert das Leben eines Menschen grundlegend. Was bedeutet es, plötzlich mit Einschränkungen leben zu müssen, die zuvor unvorstellbar erschienen? Wie geht man damit um, wenn bisher selbstverständliche Tätigkeiten nicht mehr möglich sind? Wie findet man einen neuen Zugang zum eigenen Körper, zu seinen Mitmenschen und zum Leben?

Samuel Koch ist ein Beispiel dafür, dass ein Mensch trotz schwerster körperlicher Einschränkungen seinen Lebensweg weitergehen und neue Perspektiven entwickeln kann.

Doch sollten wir vorsichtig sein, daraus einfache Schlussfolgerungen zu ziehen. Wir wissen nicht, wie ein anderer Mensch in derselben Situation reagieren würde. Auch bedeutet ein äußerlich erfolgreiches Leben nicht, dass ein Mensch niemals verzweifelt, traurig oder mutlos ist.

Dennoch macht uns ein solches Schicksal bewusst, dass Menschen auf schwere Krisen sehr unterschiedlich reagieren können.

Die einen verlieren vorübergehend oder dauerhaft den Boden unter den Füßen. Andere entwickeln mit der Zeit neue Perspektiven und entdecken Möglichkeiten, die ihnen zuvor nicht bewusst waren.

Wie ist das möglich?

Warum gelingt es manchen Menschen, nach schweren Rückschlägen wieder aufzustehen, während andere lange unter den Folgen leiden?

Eine wichtige Antwort auf diese Fragen lautet: Resilienz.

Was bedeutet Resilienz?

Der Begriff Resilienz stammt vom lateinischen Wort resilire, das unter anderem mit „zurückspringen“ übersetzt wird.

Ursprünglich bezeichnete der Begriff die Fähigkeit eines Materials, nach einer Verformung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren.

Auf den Menschen übertragen beschreibt Resilienz die psychische Widerstandskraft, die es uns ermöglicht, mit Belastungen, Krisen und schwierigen Lebenssituationen umzugehen.

Resilienz bedeutet, nach einer Krise wieder handlungsfähig zu werden, sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen und neue Perspektiven zu entwickeln.

Dabei ist ein wichtiger Punkt zu beachten: Menschen müssen nach einer Krise nicht unbedingt zu ihrem früheren Zustand zurückkehren. Manchmal ist das gar nicht möglich. Eine schwere Erkrankung, der Verlust eines geliebten Menschen oder eine einschneidende Lebenserfahrung können das eigene Leben dauerhaft verändern.

Resilienz bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, wieder so zu werden, wie man vorher war. Es kann vielmehr bedeuten, unter veränderten Bedingungen einen neuen Weg zu finden.

Resilienz ist nicht die Abwesenheit von Schmerz, sondern die Fähigkeit, trotz des Schmerzes weiterzuleben und neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.

Ein resilienter Mensch ist nicht unverwundbar. Er kennt seine Grenzen, darf traurig sein, kann Angst empfinden und benötigt manchmal Unterstützung. Seine Stärke besteht nicht darin, niemals zu fallen, sondern darin, mit dem Fallen und den Folgen des Sturzes umgehen zu lernen.

Resilienz bedeutet nicht, sich alles gefallen zu lassen

Was bedeutet Resilienz konkret für unseren Alltag?

Resilienz zeigt sich darin, dass wir Herausforderungen annehmen, Schwierigkeiten bewältigen und Rückschläge aushalten können. Sie hilft uns, negative Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren, anstatt von ihnen überwältigt zu werden.

Sie unterstützt uns dabei, für unsere Rechte einzutreten, eigene Ziele zu verfolgen und uns aus belastenden Situationen zu befreien.

Resilienz kann auch bedeuten, die Wunden unserer Seele zu versorgen, unser Selbstvertrauen wiederzugewinnen und nach einer Enttäuschung erneut Vertrauen zu wagen.

Manchmal brauchen wir Mut, um weiterzumachen. Manchmal brauchen wir Geduld, weil sich eine schwierige Situation nicht kurzfristig verändern lässt. Und manchmal brauchen wir die Kraft, einen Weg aufzugeben, der uns nicht guttut, und einen neuen einzuschlagen.

Resilienz bedeutet allerdings nicht, jede Situation aushalten zu müssen.

Es gibt Lebensumstände, gegen die wir uns wehren sollten. Wer ungerecht behandelt, gedemütigt oder missbraucht wird, muss nicht lernen, diese Behandlung besser zu ertragen. Vielmehr kann Resilienz darin bestehen, Grenzen zu setzen, Hilfe zu suchen und sich aus einer schädlichen Situation zu lösen.

Resilienz bedeutet nicht, alles ertragen zu können. Sie bedeutet auch, zu erkennen, was wir verändern müssen und was wir nicht länger hinnehmen sollten.

Die eigene Person kennenlernen

Was brauchen wir, um resilient zu sein oder unsere Resilienz weiterzuentwickeln?

Meiner Ansicht nach beginnt vieles mit einer grundlegenden Frage:

Wer bin ich eigentlich?

Wir alle entwickeln im Laufe unseres Lebens eine eigene Persönlichkeit. Unsere Persönlichkeit wird durch unsere Herkunft, unsere Familie, unsere Erfahrungen, unsere Beziehungen und unsere individuellen Eigenschaften geprägt.

Wir besitzen Stärken und Schwächen, Interessen, Wünsche und Bedürfnisse. Manche dieser Eigenschaften kennen wir sehr gut. Andere sind uns möglicherweise kaum bewusst.

Wer seine Resilienz stärken möchte, sollte sich deshalb mit sich selbst auseinandersetzen.

Dabei können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Aus welcher Familie stamme ich? Wo liegen meine Wurzeln?
  • Welche Erfahrungen haben mich geprägt?
  • Welche Eigenschaften zeichnen mich aus?
  • Was kann ich besonders gut?
  • Wo liegen meine Schwächen und Grenzen?
  • Was macht mich glücklich?
  • Was gibt meinem Leben Sinn?
  • Welche Menschen tun mir gut?
  • Was brauche ich, wenn es mir schlecht geht?
  • Kann ich mich selbst annehmen, auch wenn ich Fehler mache?

Eine weitere Frage erscheint mir besonders wichtig:

Erkenne ich mich gerne morgens im Spiegel?

Damit meine ich nicht in erster Linie unser äußeres Erscheinungsbild. Vielmehr geht es darum, ob wir mit uns selbst im Reinen sind, ob wir uns grundsätzlich annehmen können und ob wir mit der Person zufrieden sind, die wir geworden sind.

Selbstliebe bedeutet dabei nicht, sich selbst für perfekt zu halten. Sie bedeutet, sich trotz eigener Fehler und Schwächen als wertvollen Menschen anzuerkennen.

Wer sich selbst nur über seine Leistungen, seinen beruflichen Erfolg oder die Anerkennung anderer definiert, macht sein Selbstwertgefühl von Faktoren abhängig, die er nicht vollständig kontrollieren kann.

Was geschieht, wenn der berufliche Erfolg ausbleibt? Was passiert, wenn eine Beziehung zerbricht oder andere Menschen uns ablehnen?

Ein gefestigtes Selbstwertgefühl kann uns helfen, solche Erfahrungen zu bewältigen, ohne unseren gesamten Wert als Mensch infrage zu stellen.

Selbstreflexion und Selbstannahme sind deshalb wichtige Voraussetzungen für Resilienz.

Die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen

Ein weiterer wichtiger Schritt besteht darin, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen.

Wir alle haben Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Zuneigung, Anerkennung, Selbstbestimmung und persönlicher Entwicklung. Wie stark diese Bedürfnisse ausgeprägt sind und wie wir sie erfüllen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Doch wie gut kennen wir unsere eigenen Bedürfnisse tatsächlich?

Wissen wir, was uns guttut? Erkennen wir rechtzeitig, wann wir eine Pause benötigen? Können wir wahrnehmen, wenn uns eine Beziehung belastet oder wenn wir uns zu viel zumuten?

Viele Menschen funktionieren im Alltag, erfüllen ihre Verpflichtungen und kümmern sich um andere. Dabei übergehen sie häufig ihre eigenen Bedürfnisse.

Sie merken erst spät, dass sie erschöpft sind. Sie sagen Ja, obwohl sie Nein sagen möchten. Sie versuchen, es allen recht zu machen, und verlieren dabei den Kontakt zu sich selbst.

Auf Dauer kann dies zu Überforderung und psychischen Belastungen führen.

Resilienz setzt deshalb auch voraus, dass wir uns selbst ernst nehmen. Wir müssen lernen, unsere Grenzen wahrzunehmen, für unsere Bedürfnisse einzustehen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Dazu gehört die Bereitschaft, sich regelmäßig zu fragen:

Was brauche ich gerade? Was belastet mich? Was gibt mir Kraft? Was kann ich selbst verändern?

Wer diese Fragen beantworten kann, schafft eine wichtige Grundlage dafür, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.

Niemand ist allein auf dieser Welt

So wichtig die Auseinandersetzung mit der eigenen Person ist: Der Mensch lebt nicht isoliert.

Wir stehen ständig in Beziehung zu anderen Menschen. Wir begegnen Familienangehörigen, Freunden, Kollegen, Ärzten, Nachbarn und vielen weiteren Personen. Manche Beziehungen sind eng und vertraut, andere eher oberflächlich. Dennoch beeinflussen unsere Mitmenschen unser Leben auf vielfältige Weise.

Wir sind aufeinander angewiesen.

Diese gegenseitige Abhängigkeit ist nicht grundsätzlich eine Schwäche. Sie gehört vielmehr zu unserem Menschsein.

Gerade in schwierigen Lebenssituationen zeigt sich, wie wichtig soziale Beziehungen sind. Ein Mensch, der eine schwere Erkrankung erlebt, eine Trennung verkraften muss oder seinen Arbeitsplatz verliert, benötigt möglicherweise jemanden, der zuhört, Mut macht und Unterstützung anbietet.

Manchmal genügt es bereits, dass ein anderer Mensch einfach da ist.

Wir müssen nicht immer sofort eine Lösung präsentieren. Wir müssen nicht jede Schwierigkeit aus eigener Kraft bewältigen. Oft hilft es, mit jemandem über unsere Ängste und Sorgen sprechen zu können.

Resilienz ist deshalb nicht nur eine individuelle Fähigkeit. Sie entsteht und entwickelt sich auch durch tragfähige Beziehungen.

Ein unterstützendes soziales Umfeld kann uns Halt geben, unser Selbstvertrauen stärken und uns helfen, neue Perspektiven zu entwickeln.

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Kontakte zu besitzen. Entscheidend ist vielmehr, ob wir Menschen haben, denen wir vertrauen können und bei denen wir uns angenommen fühlen.

Soziale Kompetenz als Grundlage der Resilienz

Damit Beziehungen gelingen, benötigen wir soziale Kompetenz.

Dazu gehören beispielsweise die Fähigkeit, anderen zuzuhören, eigene Bedürfnisse auszudrücken, Konflikte auszutragen und die Perspektive anderer Menschen einzunehmen.

Soziale Kompetenz hilft uns, Missverständnisse zu klären, Grenzen zu setzen und Unterstützung anzunehmen.

Sie ermöglicht es uns auch, Verantwortung für unser eigenes Verhalten zu übernehmen.

Denn selbstverständlich tragen nicht immer die anderen die Schuld, wenn eine Beziehung schwierig wird. Manchmal müssen wir erkennen, dass auch wir Fehler machen, andere verletzen oder durch unser Verhalten Konflikte verschärfen.

Wer sich selbst reflektieren kann, ist eher in der Lage, aus solchen Erfahrungen zu lernen.

Dabei sollten wir allerdings nicht den Fehler machen, soziale Kompetenz mit Anpassung um jeden Preis gleichzusetzen.

Es geht nicht darum, es allen recht zu machen oder Konflikte grundsätzlich zu vermeiden. Vielmehr müssen wir lernen, unsere eigenen Interessen zu vertreten und gleichzeitig die Bedürfnisse anderer Menschen zu respektieren.

Diese Fähigkeit kann uns helfen, sowohl berufliche als auch private Herausforderungen besser zu bewältigen.

Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Resilienz besteht darin, sich die eigenen Grenzen einzugestehen.

Manche Menschen glauben, stark sein bedeute, alles allein bewältigen zu müssen. Sie wollen keine Schwäche zeigen, möchten niemandem zur Last fallen und lehnen Unterstützung ab.

Doch diese Haltung kann dazu führen, dass sie sich selbst überfordern.

Wir müssen nicht alles können. Wir müssen nicht auf jede Frage eine Antwort haben. Und wir müssen nicht jede Krise ohne fremde Hilfe bewältigen.

Im Gegenteil: Es kann ein Zeichen besonderer Stärke sein, zu erkennen, wann wir Unterstützung benötigen.

Manchmal hilft ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen. In anderen Situationen kann professionelle Unterstützung durch einen Arzt, einen Psychotherapeuten oder eine Beratungsstelle sinnvoll sein.

Auch Menschen, die grundsätzlich über eine gute psychische Widerstandskraft verfügen, können durch schwere Belastungen an ihre Grenzen geraten.

Resilienz schützt uns nicht vor jeder psychischen Erkrankung. Und wenn wir in einer Krise professionelle Hilfe benötigen, bedeutet das nicht, dass wir versagt haben.

Stärke zeigt sich nicht darin, niemals Hilfe zu benötigen, sondern auch darin, sich Hilfe zu erlauben.

Welche Eigenschaften machen uns resilient?

Es gibt zahlreiche Eigenschaften und Fähigkeiten, die unsere Resilienz unterstützen können.

Dazu zählen unter anderem:

Verantwortungsbewusstsein: Wir übernehmen Verantwortung für unser Handeln und erkennen, wo wir selbst Einfluss nehmen können.

Kreativität: Wir entwickeln neue Ideen und finden alternative Wege, wenn bisherige Lösungen nicht mehr funktionieren.

Beziehungsfähigkeit: Wir können Beziehungen aufbauen, pflegen und in schwierigen Zeiten auf Unterstützung zurückgreifen.

Geduld: Wir akzeptieren, dass Veränderungen Zeit benötigen, und geben nicht vorschnell auf.

Unabhängigkeit: Wir können eigene Entscheidungen treffen und uns von übermäßiger Abhängigkeit oder dem ständigen Urteil anderer lösen.

Humor: Wir können trotz Schwierigkeiten gelegentlich lachen und Abstand zu belastenden Situationen gewinnen.

Reflexionsfähigkeit: Wir setzen uns mit unseren Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen auseinander und lernen aus unseren Erfahrungen.

Konfliktfähigkeit: Wir können Meinungsverschiedenheiten austragen, Grenzen setzen und nach Lösungen suchen.

Entschlossenheit: Wir verfolgen unsere Ziele und lassen uns von Rückschlägen nicht sofort entmutigen.

Mut: Wir stellen uns Herausforderungen, auch wenn wir Angst haben.

Hoffnung: Wir halten es für möglich, dass sich unsere Situation verbessern kann oder dass wir einen neuen Umgang mit ihr finden.

Glaube: Für manche Menschen bietet der Glaube an Gott oder eine spirituelle Überzeugung Halt, Orientierung und Trost.

Diese Eigenschaften sind keine festen Voraussetzungen, die ein Mensch entweder besitzt oder nicht besitzt. Viele von ihnen können sich im Laufe des Lebens entwickeln und stärken lassen.

Niemand muss in allen Bereichen besonders ausgeprägt sein, um resilient zu sein.

Entscheidend ist vielmehr, dass wir unsere individuellen Ressourcen erkennen und lernen, sie in schwierigen Situationen sinnvoll einzusetzen.

Die sieben Säulen der Resilienz

Häufig werden sieben Faktoren beschrieben, die zur Entwicklung von Resilienz beitragen können. Sie werden als die sieben Säulen der Resilienz bezeichnet.

1. Optimismus

Optimismus bedeutet, trotz Schwierigkeiten an positive Entwicklungen zu glauben und die Zukunft nicht ausschließlich durch die Erfahrungen der Gegenwart zu beurteilen.

Dabei geht es nicht darum, Probleme zu verharmlosen oder sich die Wirklichkeit schönzureden.

Ein realistischer Optimismus erkennt die Schwierigkeiten an und hält dennoch daran fest, dass Veränderungen möglich sind.

2. Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet, anzuerkennen, was geschehen ist und sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

Manche Ereignisse können wir nicht ungeschehen machen. Wir können einen Verlust nicht einfach aufheben und eine schwere Erkrankung möglicherweise nicht vollständig heilen.

Doch wir können lernen, mit den Folgen umzugehen.

Akzeptanz bedeutet nicht, etwas gutzuheißen oder sich mit ungerechten Zuständen abzufinden. Sie bedeutet, die Wirklichkeit anzuerkennen, um auf dieser Grundlage weitere Schritte gehen zu können.

3. Lösungsorientierung

Wer lösungsorientiert denkt, konzentriert sich nicht ausschließlich auf das Problem, sondern sucht nach Möglichkeiten, die Situation zu verbessern.

Die Frage lautet dann nicht nur: Warum ist mir das passiert?

Sie lautet auch: Was kann ich jetzt tun? Welche Möglichkeiten habe ich? Wer kann mich unterstützen?

Nicht jedes Problem lässt sich vollständig lösen. Doch häufig können wir zumindest einzelne Aspekte unserer Situation beeinflussen.

4. Die Opferrolle verlassen

Schwierige Erfahrungen können dazu führen, dass wir uns hilflos fühlen und glauben, keinerlei Einfluss mehr auf unser Leben zu haben.

Resilienz kann uns dabei helfen, wieder eigene Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Menschen für jedes Unglück selbst verantwortlich wären. Niemand ist schuld daran, Opfer eines Unfalls, einer Gewalttat oder einer schweren Erkrankung zu werden.

Gemeint ist vielmehr, dass wir versuchen können, nach einer solchen Erfahrung Schritt für Schritt wieder Einfluss auf unser Leben zu gewinnen.

5. Verantwortung übernehmen

Verantwortung zu übernehmen bedeutet, die eigenen Möglichkeiten zu erkennen und sich aktiv für die Gestaltung des eigenen Lebens einzusetzen.

Wir können nicht alles kontrollieren, was uns widerfährt. Wir können jedoch häufig beeinflussen, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen und welche nächsten Schritte wir unternehmen.

Dazu gehört auch, Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen dieser Entscheidungen anzunehmen.

6. Zukunftsplanung

Wer resilient sein möchte, braucht nicht nur die Fähigkeit, mit der Gegenwart umzugehen, sondern auch eine Vorstellung davon, wie die Zukunft aussehen könnte.

Ziele können Orientierung und Motivation geben.

Nach einer schweren Krise kann es hilfreich sein, zunächst kleine, erreichbare Ziele zu formulieren. Jeder Schritt, der gelingt, kann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken.

Dabei dürfen sich Ziele im Laufe des Lebens verändern. Manchmal müssen wir unsere ursprünglichen Vorstellungen aufgeben, um neue Möglichkeiten zu entdecken.

7. Netzwerkorientierung

Netzwerkorientierung bedeutet, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, die uns in schwierigen Zeiten unterstützen können.

Dazu gehören Familie und Freunde ebenso wie Kollegen, Nachbarn, Selbsthilfegruppen oder professionelle Unterstützungsangebote.

Ein tragfähiges Netzwerk entsteht nicht unbedingt erst dann, wenn wir Hilfe benötigen. Es wächst häufig über Jahre durch gegenseitiges Interesse, Vertrauen und Unterstützung.

Gleichzeitig dürfen wir lernen, selbst Hilfe anzunehmen, wenn wir sie brauchen.

Diese sieben Säulen können uns Orientierung geben. Sie sind jedoch kein starres Regelwerk und keine Garantie dafür, jede Krise unbeschadet zu überstehen. Sie beschreiben vielmehr Fähigkeiten und Haltungen, die Menschen bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen unterstützen können.

Können wir Resilienz lernen?

Die gute Nachricht lautet: Ja, Resilienz lässt sich in vielen Bereichen fördern.

Zwar bringen Menschen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Auch unsere bisherigen Erfahrungen, unsere Lebensumstände und unsere persönlichen Eigenschaften beeinflussen, wie wir auf Belastungen reagieren.

Doch unsere psychische Widerstandskraft ist nicht unveränderlich.

Wir können lernen, unsere Gefühle besser wahrzunehmen, belastende Gedanken zu hinterfragen und Probleme systematischer anzugehen.

Wir können unsere sozialen Beziehungen stärken, neue Fähigkeiten entwickeln und uns bewusst mit unseren Bedürfnissen auseinandersetzen.

Wir können lernen, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen und rechtzeitig Unterstützung zu suchen.

Und wir können erfahren, dass wir schwierige Situationen bewältigen können, auch wenn uns dies zunächst unmöglich erscheint.

Dabei ist es wichtig, sich nicht unter Druck zu setzen.

Resilienz entwickelt sich nicht von heute auf morgen. Sie entsteht häufig durch viele kleine Erfahrungen, durch Erfolge ebenso wie durch Rückschläge und durch die Erkenntnis, dass wir nicht alles allein bewältigen müssen.

Manchmal besteht ein Fortschritt darin, wieder Freude zu empfinden. Manchmal darin, sich einer Angst zu stellen. Und manchmal darin, anzuerkennen, dass man gerade nicht weiterweiß.

Auch das kann ein wichtiger Schritt sein.

Müssen wir uns nicht verletzen lassen?

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf eine Frage zurückkommen, die mich beschäftigt:

Wenn wir resilient sein wollen, müssen wir dann verhindern, dass andere Menschen uns verletzen?

Ich denke, dass wir zwischen zwei Dingen unterscheiden müssen.

Zum einen gibt es Verletzungen, die wir durch unser Verhalten möglicherweise vermeiden oder begrenzen können. Wir können lernen, unsere Grenzen deutlicher zu kommunizieren, problematische Beziehungen zu erkennen und uns aus belastenden Situationen zurückzuziehen.

Zum anderen gibt es Erfahrungen, vor denen wir uns niemals vollständig schützen können.

Wir können einen Unfall nicht immer verhindern. Wir können nicht garantieren, dass wir gesund bleiben. Wir können nicht verhindern, dass Menschen, die wir lieben, sterben oder dass andere uns enttäuschen.

Das Leben enthält Unsicherheiten, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen.

Wenn wir versuchen, jede Verletzung zu vermeiden, laufen wir Gefahr, uns selbst einzuschränken. Wir könnten auf Beziehungen verzichten, aus Angst vor Enttäuschungen keine neuen Wege einschlagen oder Herausforderungen meiden, die uns persönlich weiterbringen könnten.

Deshalb halte ich einen anderen Gedanken für entscheidend:

Wir müssen nicht lernen, unverwundbar zu werden. Wir müssen lernen, mit unserer Verletzlichkeit umzugehen.

Dazu gehört, Risiken realistisch einzuschätzen, sich selbst zu schützen und Grenzen zu setzen. Dazu gehört aber auch, Vertrauen zu wagen, Hilfe anzunehmen und trotz möglicher Enttäuschungen offen für das Leben zu bleiben.

Resilienz bedeutet nicht, dass uns nichts mehr treffen darf.

Resilienz bedeutet, dass wir Wege finden können, mit dem umzugehen, was uns trifft.

Fazit: Die eigene Stärke entdecken

Jeder Mensch ist verletzlich. Jeder Mensch besitzt Schwächen, erlebt Enttäuschungen und stößt irgendwann an Grenzen.

Wir können nicht wissen, welche Herausforderungen das Leben für uns bereithält. Wir können nicht jede Krise verhindern und nicht jede schwierige Situation kontrollieren.

Doch wir können versuchen, uns selbst besser kennenzulernen.

Wir können uns fragen, was uns wichtig ist, welche Werte uns Orientierung geben und welche Menschen uns guttun. Wir können lernen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen, unsere Grenzen zu respektieren und Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen.

Wir können unsere sozialen Beziehungen pflegen und uns bewusst machen, dass wir nicht alles allein bewältigen müssen.

Und wir können daran arbeiten, auch in schwierigen Situationen Hoffnung zu bewahren, nach Lösungen zu suchen und neue Perspektiven zu entwickeln.

Vielleicht werden wir dabei feststellen, dass unsere Stärke ganz anders aussieht, als wir ursprünglich gedacht haben.

Vielleicht bedeutet Stärke nicht, niemals zu weinen, sondern trotz der Tränen weiterzugehen.

Vielleicht bedeutet Stärke nicht, niemals Angst zu haben, sondern sich trotz der Angst einer Herausforderung zu stellen.

Vielleicht bedeutet Stärke nicht, alles allein zu schaffen, sondern den Mut zu haben, andere um Hilfe zu bitten.

Und vielleicht bedeutet Stärke manchmal einfach, einen weiteren Tag zu bewältigen, obwohl uns die Kraft für große Schritte fehlt.

Wenn wir auf Menschen wie Samuel Koch blicken, können wir erkennen, dass selbst einschneidende Lebensereignisse nicht zwangsläufig das Ende eines erfüllten Lebens bedeuten. Sie können Menschen vor enorme Herausforderungen stellen und Veränderungen erzwingen, die niemand freiwillig wählen würde. Dennoch kann es gelingen, neue Ziele zu entwickeln und andere Formen von Lebensfreude zu entdecken.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch auf dieselbe Weise mit einem solchen Schicksal umgehen muss. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo, seine eigenen Bedürfnisse und seine eigenen Grenzen.

Resilienz ist kein Wettbewerb und keine Verpflichtung, immer stark zu sein.

Sie ist vielmehr die Fähigkeit, unter den jeweiligen Lebensbedingungen einen Weg zu finden, der das eigene Leben wieder lebenswert macht.

Deshalb möchte ich Sie zum Abschluss zu einer persönlichen Reflexion einladen:

Wie gut kennen Sie sich selbst?

Wissen Sie, was Ihnen Kraft gibt und was Ihnen Kraft nimmt?

Haben Sie Menschen, an die Sie sich in schwierigen Zeiten wenden können?

Können Sie Ihre eigenen Grenzen erkennen und akzeptieren?

Und können Sie sich selbst mit Ihren Stärken und Schwächen annehmen?

Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Schlüssel zur Resilienz: nicht darin, sich gegen alles zu wappnen, was das Leben mit sich bringen könnte, sondern darin, eine tragfähige Beziehung zu sich selbst, zu anderen Menschen und zum Leben aufzubauen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre eigenen Ressourcen entdecken, Ihre Widerstandskraft stärken und auch in schwierigen Zeiten die Hoffnung nicht verlieren.

Und ich wünsche Ihnen vor allem, dass Sie erkennen: Sie müssen nicht unverwundbar sein, um Ihr Leben gestalten zu können.

Es genügt, wenn Sie lernen, immer wieder einen Weg zu finden – manchmal allein, manchmal mit Unterstützung und manchmal Schritt für Schritt.

Rainer Langlitz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Bei der Übermittlung Ihrer Nachricht ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Sicherheitsüberprüfung

Ungültiger Captcha-Code. Versuchen Sie es erneut.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.