MMS, CDL, Borax und DMSO: Warum bei angeblichen „Wundermitteln“ besondere Vorsicht geboten ist
Einleitung
In sozialen Netzwerken und insbesondere auf Facebook werden immer wieder Substanzen wie MMS, CDL, Borax und DMSO als angebliche Heilmittel beworben. Häufig versprechen Anbieter oder einzelne Befürworter Hilfe bei schweren Erkrankungen wie Krebs, Autismus, Arthritis, Infektionen oder Long Covid. Solche Versprechen können für Menschen, die krank sind oder sich um Angehörige sorgen, sehr verlockend wirken.
Gerade deshalb ist eine klare Unterscheidung wichtig: MMS und CDL sind keine zugelassenen Arzneimittel und sollen nicht eingenommen werden. Borax ist kein Nahrungsergänzungs- oder Heilmittel. DMSO unterscheidet sich chemisch und medizinisch von diesen Stoffen, ist aber ebenfalls kein frei anwendbares Universalmittel und kann bei Selbstbehandlung Risiken bergen.
Wer krank ist, sollte sich nicht auf Heilsversprechen aus dem Internet verlassen, sondern ärztlichen Rat einholen. Besonders dann, wenn ein Produkt angeblich gegen sehr viele, völlig unterschiedliche Krankheiten zugleich helfen soll, ist Skepsis angebracht.
Hauptteil
MMS und CDL: Chlordioxid ist kein Arzneimittel
MMS steht für „Miracle Mineral Supplement“ oder „Miracle Mineral Solution“. Es handelt sich meist um Natriumchlorit, das mit einer Säure vermischt wird. Dabei kann Chlordioxid entstehen – eine stark oxidierende Chemikalie, die unter anderem zur Desinfektion und zum Bleichen verwendet wird.
CDL bedeutet Chlordioxidlösung. Zwar wird CDL anders hergestellt und vermarktet als klassisches MMS, der entscheidende Stoff bleibt jedoch Chlordioxid. Die abweichende Bezeichnung ändert nichts daran, dass eine Einnahme nicht als medizinische Behandlung zugelassen ist.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt ausdrücklich vor MMS. Es beschreibt Chlordioxid als reaktive Substanz, die Haut und Schleimhäute reizen oder verätzen kann. Nach Einnahme wurden unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Blutdruckstörungen und erhebliche Flüssigkeitsverluste berichtet. Besonders gefährdet sind Kinder. BfR: Warnung vor „Miracle Mineral Supplement“
Auch die US-Arzneimittelbehörde FDA warnt seit Jahren vor MMS und vergleichbaren Chlordioxid-Produkten. Die Behörde berichtet über schwere Nebenwirkungen, darunter starkes Erbrechen, Durchfall, gefährlichen Blutdruckabfall und akutes Leberversagen. Für MMS gibt es keine FDA-Zulassung zur Behandlung irgendeiner Krankheit. FDA: Warnung vor MMS und ähnlichen Produkten
Die Behauptung, dass MMS oder CDL Krankheiten wie Krebs, Malaria, HIV, Autismus oder Covid-19 heilen könnten, ist wissenschaftlich nicht belegt. Besonders problematisch ist, wenn solche Produkte Menschen davon abhalten, wirksame medizinische Diagnostik oder Therapie in Anspruch zu nehmen.
Borax: Industriestoff, kein Heilmittel
Borax ist eine Borverbindung, die unter anderem in Industrie, Reinigung, Glas- und Keramikherstellung verwendet wird. Es ist kein Lebensmittel und kein Arzneimittel zur Selbstbehandlung.
Im Internet wird Borax gelegentlich gegen Arthritis, Osteoporose, Pilzinfektionen oder andere Beschwerden empfohlen. Für solche Einnahmeempfehlungen gibt es keine verlässliche medizinische Grundlage. Eine orale Aufnahme kann gesundheitsschädlich sein; möglich sind etwa Beschwerden des Magen-Darm-Trakts und Schäden bei hoher oder wiederholter Belastung.
Borate werden in der Europäischen Union aufgrund möglicher fortpflanzungsschädigender Wirkungen regulatorisch besonders beachtet. Die Europäische Chemikalienagentur führt Borate als Stoffgruppe mit dem Hinweis „toxic for reproduction“. ECHA: Borate in Verbraucherprodukten
Borax gehört deshalb nicht in Nahrung, Trinkwasser oder selbst hergestellte „Entgiftungs“-Kuren.
DMSO: Nicht mit MMS, CDL oder Borax gleichsetzen
DMSO, Dimethylsulfoxid, ist chemisch etwas grundsätzlich anderes als MMS, CDL und Borax. Es ist ein starkes Lösungsmittel, das leicht durch die Haut dringen kann und dabei andere gelöste Stoffe mit in den Körper transportieren kann.
DMSO wird in bestimmten wissenschaftlichen und medizinischen Zusammenhängen genutzt, etwa bei der Kryokonservierung von Zellen. Es kann auch in einzelnen medizinischen Anwendungen eine Rolle spielen. Daraus folgt jedoch nicht, dass DMSO ein Mittel gegen Krebs, Alzheimer, Infektionen oder chronische Schmerzen wäre.
Die Risiken einer Selbstanwendung liegen vor allem darin, dass DMSO über die Haut unerwünschte Substanzen, Verunreinigungen oder Keime in den Körper einschleusen kann. Außerdem können Hautreaktionen, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und ein auffälliger Geruch über Atem und Haut auftreten. Wer DMSO medizinisch verwenden möchte, sollte dies nur nach ärztlicher Beratung und mit einem geeigneten, geprüften Präparat tun.
DMSO ist daher kein „Wundermittel“, aber es sollte auch nicht ungenau mit Chlordioxid gleichgesetzt werden. Die Risiken und die medizinische Einordnung sind unterschiedlich.
Heilsversprechen und ihre Promoter
Die Verbreitung von MMS wurde besonders durch Jim Humble bekannt. Er war Mitgründer der sogenannten Genesis II Church of Health and Healing, deren Internetauftritte MMS als „Sakrament“ bezeichneten. Die FDA ging 2020 gegen die Organisation und deren Bewerbung von MMS als angebliche Covid-19-Behandlung vor. FDA-Warnschreiben an Genesis II Church
Jim Humble hatte nach eigenen Angaben früher Kontakt zu Scientology. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass Scientology als Organisation MMS oder CDL offiziell verbreitet. Eine frühere persönliche Zugehörigkeit ist kein Beweis für eine institutionelle Verbindung.
Andreas Kalcker ist ein bekannter Befürworter von Chlordioxid-Anwendungen. Seine öffentlichen Aussagen und die Kritik daran werden im Überblick dargestellt bei Wikipedia: Andreas Kalcker. Entscheidend ist nicht der Bekanntheitsgrad einer Person, sondern ob die behauptete Wirkung durch solide klinische Studien belegt und das Produkt als Arzneimittel zugelassen ist. Bei MMS und CDL ist dies nicht der Fall.
Auch Kerri Rivera wurde international bekannt, weil sie Chlordioxid gegen Autismus propagierte. Dies ist besonders bedenklich: Autismus ist keine Krankheit, die mit gefährlichen Chemikalien „geheilt“ werden müsse. Kinder vor solchen Experimenten zu schützen, ist eine medizinische und ethische Verpflichtung.
Zu Dr. med. Antje Oswald und Dr. Dietrich Klinghardt gilt: Ein akademischer Titel, Bücher, Vorträge oder eine große Internetreichweite ersetzen keine wissenschaftliche Evidenz. Wer medizinische Empfehlungen abgibt, sollte nachvollziehbare Quellen nennen, Risiken offenlegen und keine Heilversprechen für schwere Krankheiten machen.
Scientology und Pseudomedizin
Scientology ist eine religiös-ideologische Bewegung, die von L. Ron Hubbard gegründet wurde und für ihre Kritik an Psychiatrie und Psychopharmakologie bekannt ist. Kritiker beanstanden außerdem pseudomedizinische Konzepte wie Auditing, das „Purification Rundown“ und das Scientology-nahe Narconon-Programm.
Es gibt Überschneidungen zwischen manchen pseudomedizinischen Szenen und Scientology: Misstrauen gegenüber etablierter Medizin, die Betonung von „Entgiftung“ oder die Vermarktung eines besonderen, angeblich unterdrückten Wissens. Dennoch sollte sauber unterschieden werden: Nicht jede alternative oder esoterische Methode hat etwas mit Scientology zu tun, und Scientology ist nicht der Urheber von Borax- oder DMSO-Anwendungen.
Der belegbare Zusammenhang liegt vor allem bei Jim Humble und der von ihm mitgegründeten Genesis-II-Struktur, nicht in einer nachgewiesenen offiziellen Vertriebspartnerschaft zwischen Scientology und MMS/CDL.
Schlussteil / Resümee
MMS und CDL sollten nicht eingenommen werden: Sie enthalten beziehungsweise bilden Chlordioxid, sind nicht als Arzneimittel zugelassen und können schwere gesundheitliche Schäden verursachen. Borax ist kein Heilmittel und gehört nicht in selbst verordnete Einnahmekuren. DMSO ist kein Universalmittel; wegen seiner besonderen Eigenschaften und möglichen Risiken ist eine Selbstbehandlung ebenfalls keine gute Idee.
Das wichtigste Warnsignal sind pauschale Heilversprechen: Wenn ein Produkt angeblich gegen Krebs, Autismus, Infektionen, chronische Schmerzen und viele weitere Krankheiten zugleich helfen soll, ist besondere Vorsicht geboten.
Gesundheitliche Beschwerden verdienen seriöse Diagnostik und evidenzbasierte Behandlung – keine Experimente mit Chemikalien, die über soziale Medien als „Wunderheilmittel“ vermarktet werden. Bei einer bereits erfolgten Einnahme von MMS/CDL oder bei akuten Beschwerden sollte umgehend ärztliche Hilfe oder eine Giftinformationszentrale kontaktiert werden.
Rainer Langlitz
