Medienkompetenz im Krieg: Warum unterschiedliche Perspektiven unverzichtbar sind

Einleitung

In einer Welt mit einer kaum überschaubaren Menge an Nachrichten, Videos, Kommentaren und politischen Deutungen wird Medienkompetenz immer wichtiger. Sie bedeutet nicht, jede Behauptung ungeprüft zu übernehmen oder Fakten als bloße Meinung zu behandeln. Medienkompetenz bedeutet vielmehr, Quellen kritisch zu prüfen, verschiedene Sichtweisen kennenzulernen und zwischen belegten Tatsachen, Bewertungen und politischen Interessen zu unterscheiden.

Gerade in Kriegszeiten ist diese Fähigkeit unverzichtbar. Im Russland-Ukraine-Krieg, im Nahostkonflikt und bereits während der Corona-Pandemie wurde deutlich, wie schnell öffentliche Debatten in einfache Gegensätze zerfallen können: gut gegen böse, richtig gegen falsch, loyal gegen illoyal. Wer eine vorherrschende Darstellung kritisiert oder abweichende Fragen stellt, erlebt nicht selten Ablehnung, Diffamierung oder den Vorwurf, Desinformation zu verbreiten.

Dabei ist die Wirklichkeit selten so einfach, wie es kurze Nachrichtensendungen oder zugespitzte Debatten nahelegen. Der Historiker Imanuel Geiss formulierte treffend: „Ohne Kenntnis der Daten und Fakten bleibt Geschichte Spekulation. Ohne Einordnung der Daten und Fakten in Zusammenhänge bleibt Geschichte abstrakt.“ Dieser Gedanke sollte auch für gegenwärtige Konflikte gelten.

Hauptteil

Wahrheit, Fakten und Perspektiven

Menschen suchen nach Wahrheit, doch die Welt ist komplex. Fakten sind wichtig, aber auch sie müssen eingeordnet werden: Wer berichtet? Welche Quellen werden verwendet? Welche historischen Ereignisse werden hervorgehoben – und welche werden ausgelassen?

In meinem Videobeitrag „Was ist Wahrheit?“ unterscheide ich zwischen absoluten, objektiven und subjektiven Aspekten von Wahrheit. Historische Ereignisse sind zwar geschehen und damit nicht veränderbar; ihre Ursachen, Bedeutung und Folgen bleiben jedoch Gegenstand von Forschung, Interpretation und politischer Auseinandersetzung.

Dies gilt besonders für den Krieg gegen die Ukraine. Dass Russland am 24. Februar 2022 einen großangelegten Angriff auf die Ukraine begann, ist eine Tatsache. Ebenso ist die Frage relevant, welche Vorgeschichte, Sicherheitsinteressen, Machtansprüche und politischen Fehlentwicklungen zu dieser Eskalation beigetragen haben. Wer nur über den Beginn des Krieges spricht, ohne die Jahre und Jahrzehnte davor zu betrachten, erhält kein vollständiges Bild.

Informationsvielfalt statt Schwarz-Weiß-Denken

Öffentlich-rechtliche Medien leisten wichtige journalistische Arbeit und liefern vielen Menschen täglich Nachrichten. Dennoch besteht die Gefahr, dass Mediennutzerinnen und Mediennutzer sich zu stark auf wenige bekannte Formate verlassen. Tagesschau oder heute-journal können Orientierung geben, sie ersetzen aber keine eigene Recherche und keine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen internationalen Perspektiven.

Eine hohe Medienkompetenz verlangt, nicht allein Medien aus dem eigenen politischen und kulturellen Umfeld zu konsumieren. Das bedeutet nicht, staatliche Propaganda anderer Länder unkritisch zu übernehmen. Es bedeutet, die eigene Perspektive nicht mit der einzigen möglichen Wahrheit zu verwechseln.

Gerade im Russland-Ukraine-Krieg ist die Gefahr groß, die Welt in starre Lager einzuteilen: hier die NATO und der Westen, dort Russland und die BRICS-Staaten. Doch eine ernsthafte Analyse muss beide Seiten kritisch betrachten. Russland trägt Verantwortung für seinen Angriffskrieg. Zugleich müssen auch die Rolle der USA, die NATO-Osterweiterung, die Entwicklung seit 1991 sowie die Interessen der europäischen Staaten diskutiert werden dürfen.

Der Vortrag von Dr. Daniele Ganser als Gegenperspektive

Eine solche Gegenperspektive bietet der Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser in seinem Vortrag „Die USA und der Ukrainekrieg“. Seine Deutung ist politisch umstritten und sollte deshalb kritisch geprüft werden. Dennoch kann sie einen Anstoß geben, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die in vielen deutschen Leitmedien weniger Raum erhalten.

Ganser verurteilt in seinem Vortrag den russischen Angriff vom 24. Februar 2022 als Verstoß gegen das Gewaltverbot der Vereinten Nationen. Zugleich kritisiert er die Politik westlicher Regierungen. Er nennt insbesondere die NATO-Osterweiterung seit 1999, die Erklärung des NATO-Gipfels von Bukarest 2008 über eine mögliche Mitgliedschaft der Ukraine sowie die Ereignisse in Kiew 2014 als wichtige Bestandteile der Vorgeschichte.

Sein Vortrag ist in neun Themenfelder gegliedert:

  1. Eine Welt im Umbruch: BRICS werden stärker
  2. Clinton und die NATO-Osterweiterung 1999
  3. Bush und der NATO-Gipfel von Bukarest 2008
  4. Obama und die Ereignisse in Kiew 2014
  5. Selenskyj und der Krieg im Donbas 2014 bis 2022
  6. Putin und die Invasion vom 24. Februar 2022
  7. Scholz und die Lieferung schwerer Waffen
  8. Die Neutralität der Schweiz und Österreichs
  9. Informationskrieg in den Medien und gewaltfreie Konfliktlösungen

Ein zentraler Gedanke Gansers lautet, dass politische Akteure denselben Krieg unterschiedlich wahrnehmen. Xi Jinping, Wladimir Putin, Joe Biden und deutsche Regierungsvertreter betrachten den Konflikt aus jeweils eigenen strategischen Interessen. Deshalb müsse es uns, so Ganser, ein Anliegen sein, uns in die Denkweise anderer hineinzuversetzen.

NATO, BRICS und geopolitische Interessen

Ganser verweist in diesem Zusammenhang auf die wachsende Bedeutung der BRICS-Staaten. Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – inzwischen ergänzt durch weitere Partnerstaaten – stehen für eine multipolare Weltordnung, in der die Vormachtstellung der USA zurückgedrängt werden soll.

Diese Entwicklung ist für das Verständnis des Ukraine-Krieges relevant. Die NATO-Staaten vertreten vor allem ihre eigene sicherheitspolitische Perspektive. Russland und China kritisieren dagegen die Ausdehnung westlicher Bündnisse und den Einfluss der USA auf der eurasischen Landmasse. Im Februar 2022 demonstrierten Xi Jinping und Wladimir Putin ihre politische Nähe und forderten einen Stopp der NATO-Erweiterung in Osteuropa.

Daraus folgt nicht, dass Russland ein Recht hätte, die Ukraine militärisch anzugreifen oder ihr Selbstbestimmungsrecht zu bestreiten. Es folgt jedoch, dass eine Friedensordnung nur dann dauerhaft sein kann, wenn sie Sicherheitsinteressen, Machtkonflikte und historische Verletzungen auf allen Seiten berücksichtigt.

Auch die von Ganser genannten US-Kritiker Jeffrey Sachs, John Mearsheimer und Benjamin Abelow vertreten die Auffassung, dass westliche Politik, insbesondere die NATO-Osterweiterung, zur Eskalation beigetragen habe. Diese Positionen sind nicht unumstritten. Gerade deshalb sollten sie nicht verschwiegen, sondern offen geprüft und mit gegenteiligen Analysen verglichen werden.

Medienkompetenz als Schutz vor Manipulation

Menschen haben im Alltag wenig Zeit. Nach Arbeit, Familie, Haushalt und anderen Verpflichtungen bleibt oft nur ein kurzer Blick auf die Abendnachrichten. Es wäre daher unfair, einzelnen Menschen vorzuwerfen, sie seien schlecht informiert. Dennoch sollte niemand glauben, nach einer einzigen Nachrichtensendung bereits alle Zusammenhänge eines Krieges verstanden zu haben.

Medienkompetenz beginnt mit einfachen Fragen: Welche Quelle berichtet? Welches Interesse könnte dahinterstehen? Wird zwischen Nachricht und Kommentar unterschieden? Werden Gegenargumente fair dargestellt? Kann eine Behauptung durch unabhängige Quellen überprüft werden?

Es ist sinnvoll, unterschiedliche Medien, wissenschaftliche Beiträge, Originalquellen und internationale Stimmen zu lesen. Dabei gilt für westliche, russische, ukrainische, chinesische oder andere Quellen derselbe Maßstab: Keine Seite sollte von vornherein als unfehlbar gelten.

Schlussteil / Resümee

Der Russland-Ukraine-Krieg zeigt, wie gefährlich es ist, komplexe politische Konflikte auf einfache moralische Formeln zu reduzieren. Russland ist nicht ausschließlich „das Böse“, die NATO nicht automatisch „das Gute“, und auch Staaten des Westens handeln nicht frei von Interessen. Umgekehrt darf die Kritik an westlicher Politik nicht dazu führen, Russlands Angriffskrieg zu verharmlosen.

Eine mündige Öffentlichkeit braucht keine einseitige Informationsversorgung, sondern Vielfalt, Quellenkritik und die Bereitschaft, unbequeme Fragen zuzulassen. Wer unterschiedliche Perspektiven kennt, übernimmt sie nicht zwangsläufig. Aber er oder sie kann besser beurteilen, welche Argumente tragen, welche Interessen wirken und wo Propaganda beginnt.

Frieden setzt Verständigung voraus. Verständigung beginnt dort, wo Menschen bereit sind, die Sichtweise anderer kennenzulernen, ohne ihre eigene Urteilskraft aufzugeben.

Rainer Langlitz

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