Jenseits der Ehe: Maria, weibliche Intimität und Mariä Himmelfahrt
Am 15. August feiert die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt, genauer: die Aufnahme Marias in den Himmel. Es ist ein Fest, das Maria nicht einfach als Mutter Jesu in Erinnerung ruft, sondern als eine Frau, deren Leben und deren Körper in besonderer Weise zum Zeichen geworden sind.
Gerade an diesem Tag lohnt sich deshalb eine ungewöhnliche Frage:
Was wissen wir eigentlich über Maria – und was projizieren wir in sie hinein?
Die Frage klingt zunächst provokant:
War Maria lesbisch?
Vielleicht ist es ungewöhnlich, eine solche Frage gerade am Fest Mariä Himmelfahrt zu stellen. Aber sie führt unmittelbar zu einem grundlegenden Problem jeder historischen Betrachtung: Wie viel können wir über einen Menschen wissen, wenn uns nur wenige Quellen überliefert sind? Und wie schnell füllen wir die Lücken mit unseren eigenen Vorstellungen?
„Einen Mann erkenne ich nicht“
In meinem Buch Gott ist Gott. Die Bedeutung der Kommunikation zwischen Gott, Mensch und Welt habe ich auf den Seiten 205 ff. eine zugespitzte These formuliert. Ich habe die Aussage Marias in Lukas 1,34 – „einen Mann erkenne ich nicht“ – als eine Art verschlüsseltes lesbisches Bekenntnis gelesen.
Diese Interpretation möchte ich in diesem Essay nicht einfach wiederholen. Vielmehr möchte ich sie präzisieren und zugleich offenhalten.
Im ersten Kapitel des Lukasevangeliums wird Maria als Jungfrau beschrieben, die mit Josef verlobt ist. Der Engel Gabriel kündigt ihr an, dass sie einen Sohn empfangen und Jesus nennen soll. Maria antwortet:
„Wie wird dies geschehen, da ich von keinem Mann weiß?“
(Lukas 1,34)
Im griechischen Text steht:
ἄνδρα οὐ γινώσκω – „einen Mann erkenne ich nicht“.
Das Verb ginōskō – „erkennen“ – kann im biblischen Griechisch durchaus auch sexuelle Gemeinschaft bezeichnen. Das zeigt etwa die Verwendung des Verbs in Genesis 4,1 oder Matthäus 1,25. Maria kann mit ihrer Aussage also durchaus meinen: Ich hatte bislang keinen Geschlechtsverkehr mit einem Mann.
Das ist bemerkenswert.
Denn Maria sagt nicht einfach: „Ich bin Jungfrau.“
Sie formuliert ihre Situation vielmehr relational:
„Einen Mann erkenne ich nicht.“
Sie spricht über ihre Beziehung – oder genauer: über das Fehlen einer sexuellen Beziehung zu einem Mann.
Daraus lässt sich jedoch noch keine moderne sexuelle Identität ableiten.
Der Text sagt nicht, dass Maria Männer grundsätzlich ablehnt. Er sagt nicht, dass sie Frauen begehrt. Er sagt nicht, dass sie sich selbst als homosexuell versteht. Und er sagt schon gar nicht, dass sie eine sexuelle Beziehung mit Elisabeth hatte.
Lukas belegt Marias sexuelle Unerfahrenheit gegenüber Männern – aber nicht ihre sexuelle Orientierung.
Das ist die entscheidende Unterscheidung.
Natürlich sind Begriffe wie „lesbisch“, „schwul“ oder „homosexuell“ der biblischen Welt fremd. Die Bibel kennt sexuelle Handlungen, Verbote und moralische Bewertungen, aber nicht die moderne Vorstellung einer sexuellen Identität, wie wir sie heute verwenden.
Deshalb möchte ich meine frühere These vorsichtiger formulieren.
Ich möchte nicht ausschließen, dass Marias Satz „Einen Mann erkenne ich nicht“ aus heutiger Perspektive als eine Spur gelesen werden kann, die eine homosexuelle oder lesbische Deutung ermöglicht.
Aber ich möchte diese Deutung auch nicht als historische Tatsache behaupten.
Vielleicht ist Maria lesbisch – vielleicht auch nicht. Die Quellen erlauben uns keine Gewissheit.
Und genau diese Ungewissheit macht die Frage interessant.
Denn vielleicht müssen wir nicht entscheiden, welche moderne Identität Maria hatte, um etwas über die Bedeutung weiblicher Beziehungen in der Geschichte zu erfahren.
Von der Sexualität zur Intimität
Damit verändert sich die eigentliche Frage.
Nicht mehr:
War Maria lesbisch?
Sondern:
Was geschieht mit weiblichem Leben, wenn Ehe und biologische Mutterschaft nicht die einzigen Formen von Zugehörigkeit, Familie und Nähe sind?
Maria nimmt in dieser Geschichte eine außergewöhnliche Stellung ein. Die christliche Tradition verbindet in ihr zwei scheinbare Gegensätze:
Jungfrau und Mutter.
Ihre Mutterschaft wird nicht als Ergebnis gewöhnlicher sexueller Fortpflanzung verstanden. Damit wird eine Verbindung aufgebrochen, die in der antiken Gesellschaft besonders eng war:
Frau – Ehe – Sexualität – Mutterschaft – Familie.
Bei Maria fallen diese Kategorien auseinander.
Sie ist Mutter, ohne dass ihre Mutterschaft auf eine gewöhnliche sexuelle Beziehung zurückgeführt wird. Sie ist Jungfrau und zugleich Mutter. Und gerade diese Verbindung wird zu einem der zentralen Motive christlicher Theologie.
Aus der Vorstellung der Jungfräulichkeit entwickelt sich später im Christentum eine eigenständige Lebensform. Frauen können unverheiratet bleiben, religiöse Gemeinschaften bilden und ihr Leben anderen Frauen widmen.
Das bedeutet keineswegs moderne Emanzipation. Die christlichen Gemeinschaften waren selbst von Regeln, Hierarchien und patriarchalen Strukturen geprägt. Dennoch eröffnete die Ehelosigkeit eine Alternative zur traditionellen Rolle der Ehefrau.
Und damit beginnt eine Geschichte, die für unseren Essay entscheidend ist:
Die Geschichte weiblicher Intimität.
Frauen, die einander Familie wurden
Frauen wie Macrina, Paula, Eustochium und Marcella zeigen, dass weibliche Gemeinschaft nicht nur eine theoretische Möglichkeit war.
Frauen lebten zusammen. Sie beteten, lernten, arbeiteten und sorgten füreinander. Sie wurden einander zu Schwestern, geistlichen Müttern und Töchtern.
Biologische Verwandtschaft und geistliche Verwandtschaft konnten sich überlagern.
Eine Lehrerin konnte zur geistlichen Mutter werden. Eine ältere Frau konnte für eine jüngere zur Schwester oder Mentorin werden. Eine Freundin konnte zur lebenslangen Gefährtin werden.
So entstand eine andere Form von Familie.
Sie beruhte nicht ausschließlich auf Abstammung oder Ehe, sondern auf gemeinsam gelebter Beziehung.
Menschen konnten einander durch Fürsorge, Vertrauen, gemeinsame Arbeit und gemeinsame Lebenszeit zu Familie werden.
Das ist Wahlverwandtschaft.
Und vielleicht ist dieser Begriff hilfreicher als die Suche nach einer modernen sexuellen Identität.
Denn eine Beziehung kann tief und lebensbestimmend sein, ohne dass wir sie eindeutig als Freundschaft, Liebe oder Sexualität klassifizieren können.
Hildegard und Richardis
Besonders deutlich wird diese Ambivalenz bei Hildegard von Bingen und Richardis von Stade.
Ihre Beziehung war nachweislich von großer emotionaler Intensität geprägt. Richardis war für Hildegard nicht einfach irgendeine Mitschwester. Als Richardis die Gemeinschaft verlassen sollte, reagierte Hildegard mit starkem persönlichem Schmerz.
Was wir allerdings nicht wissen, ist, ob diese Beziehung auch eine sexuelle oder erotische Dimension hatte.
Hier liegt eine entscheidende historische Grenze:
Intimität ist nicht dasselbe wie Sexualität.
Eine Beziehung kann von tiefer Liebe, Vertrautheit, Fürsorge, körperlicher Nähe, Sehnsucht und gegenseitiger Abhängigkeit geprägt sein, ohne dass wir sie deshalb als sexuelle Beziehung bezeichnen können.
Umgekehrt wäre es ebenso falsch, jede intensive Beziehung zwischen Frauen vorschnell als „nur geistlich“ abzutun.
Vielleicht brauchen wir deshalb einen dritten Weg.
Wir sollten historische Frauen nicht nachträglich mit modernen Identitätskategorien versehen. Aber wir sollten ihre Beziehungen ebenso wenig entwerten, nur weil wir sie nicht eindeutig benennen können.
Eine Beziehung muss nicht „lesbisch“ gewesen sein, um intim, leidenschaftlich oder lebensbestimmend gewesen zu sein.
Eine andere Geschichte der Liebe
Damit verändert sich auch unser Blick auf die Geschichte von Liebe.
Sie ist nicht nur eine Geschichte von Ehe und Sexualität.
Sie ist ebenso eine Geschichte von:
Freundschaft.
Fürsorge.
Schwesternschaft.
Gemeinschaft.
Wahlverwandtschaft.
Wir sollten deshalb nicht nur fragen:
Wer hatte mit wem Sex?
Sondern auch:
Wem vertraute jemand?
Wen vermisste jemand?
Wer sorgte für wen?
Wer war unersetzlich?
Wer gab jemandem ein Zuhause?
Wer blieb, wenn andere gingen?
Diese Fragen machen Geschichte nicht weniger präzise.
Sie machen sie größer.
Denn Menschen sind nicht nur durch Blut miteinander verbunden. Sie werden auch durch gelebte Beziehung miteinander verwandt.
Maria und Elisabeth
Von hier aus bekommt auch die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth eine neue Bedeutung.
Wir müssen daraus keine Liebesgeschichte machen. Dafür gibt es keinen historischen Beleg.
Aber wir sollten auch nicht übersehen, was Lukas tatsächlich erzählt.
Maria macht sich auf den Weg zu Elisabeth. Zwei Frauen begegnen einander. Elisabeth erkennt Maria. Sie begrüßt sie nicht mit Misstrauen, sondern mit Anerkennung. Maria bleibt ungefähr drei Monate bei ihr.
Es ist eine Geschichte weiblicher Begegnung und gegenseitiger Bestätigung.
Elisabeth ist dabei nicht einfach eine Nebenfigur. Sie ist die Frau, die Maria erkennt.
Vielleicht liegt gerade darin eine tiefere Form von Intimität:
gesehen und erkannt zu werden.
Nicht Sexualität ist hier das Entscheidende, sondern Beziehung.
Mariä Himmelfahrt – ein uraltes Fest
Und hier schließt sich der Kreis zu dem Fest, das am Anfang dieses Essays steht.
Mariä Himmelfahrt ist kein Fest, das erst 1950 entstanden ist. Seine Wurzeln reichen bis in die frühe Kirche zurück. Bereits im 5. Jahrhundert wurde in der Ostkirche am 15. August der „Entschlafung“ Mariens gedacht. Im 7. Jahrhundert wurde das Fest auch in Rom gefeiert.
Erst viele Jahrhunderte später, am 1. November 1950, erhob Papst Pius XII. die Überzeugung von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel zum verbindlichen Dogma der katholischen Kirche.
Das ist eine wichtige Unterscheidung:
1950 wurde Mariä Himmelfahrt nicht erfunden.
1950 wurde vielmehr eine sehr alte Glaubensüberzeugung dogmatisch verbindlich formuliert.
Mariä Himmelfahrt bedeutet dabei nicht, dass Maria einfach „in den Himmel geflogen“ wäre.
Die theologische Aussage ist tiefer:
Maria wird mit Leib und Seele in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen.
In ihr sieht die katholische Kirche eine Vorwegnahme dessen, was sie für alle Menschen erhofft: die Auferstehung und Vollendung des ganzen Menschen.
Der Mensch besteht in dieser Vorstellung nicht aus einer wertvollen Seele und einem bloß vergänglichen Körper.
Der Leib gehört zum Menschen.
Und deshalb ist Mariä Himmelfahrt auch ein Fest über die Würde des Körpers.
Das ist gerade im Zusammenhang mit unserer Frage bemerkenswert.
Denn Maria wird häufig auf bestimmte Rollen reduziert:
Jungfrau.
Mutter.
Gottesmutter.
Mariä Himmelfahrt führt über diese Kategorien hinaus.
Maria wird nicht nur als Jungfrau oder Mutter vollendet. Sie wird als ganzer Mensch – mit Leib und Seele – in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen.
Damit wird aus der Frage nach Marias Sexualität schließlich eine viel größere Frage:
Was macht einen Menschen aus, wenn wir ihn nicht auf Ehe, Sexualität, Fortpflanzung oder gesellschaftliche Rolle reduzieren?
Maria in der katholischen Frömmigkeit
Diese besondere Stellung Marias zeigt sich auch in der katholischen Frömmigkeit.
Katholische Christen beten zu Gott – und sie können zugleich Maria um ihre Fürsprache bitten.
Das bedeutet nicht, dass Maria an die Stelle Gottes tritt. Die katholische Kirche unterscheidet ausdrücklich zwischen der Anbetung Gottes und der besonderen Verehrung Marias.
Im Ave Maria heißt es:
„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns.“
Maria wird also nicht als Göttin angerufen. Sie soll vielmehr als Mutter und Fürsprecherin vor Gott für die Menschen eintreten.
Auch darin wird Maria zu einer Figur der Beziehung.
Sie steht in Beziehung zu Jesus, zu Elisabeth, zu den Jüngern, zur Kirche und – in der katholischen Frömmigkeit – zu den Gläubigen.
Menschen wenden sich an sie. Sie vertrauen ihr ihre Ängste, Hoffnungen und Bitten an.
Maria wird dadurch selbst zu einer Beziehungsgestalt.
Und vielleicht ist auch das eine Form von Intimität: nicht sexuelle Nähe, sondern Vertrauen, Fürsorge und die Hoffnung, von einem anderen Menschen – oder von einer religiösen Gestalt – gehört und getragen zu werden.
Was bleibt?
Damit kommen wir zurück zu unserer Ausgangsfrage.
War Maria lesbisch?
Ich möchte heute vorsichtiger antworten als in meinem Buch Gott ist Gott.
Ich möchte die Möglichkeit einer lesbischen Lesart von Lukas 1,34 nicht verbieten. Marias Satz „Einen Mann erkenne ich nicht“ lässt sich aus heutiger Perspektive durchaus als irritierende und bemerkenswerte Spur lesen.
Aber:
Eine Spur ist noch kein Beweis.
Wir können nicht aus einem einzigen Satz eine moderne sexuelle Identität konstruieren.
Wir wissen nicht, ob Maria lesbisch war.
Wir wissen nicht, ob Maria und Elisabeth eine erotische Beziehung hatten.
Und wir wissen auch nicht, ob Maria selbst unsere heutigen Kategorien von Sexualität und Identität überhaupt gekannt oder verstanden hätte.
Aber wir wissen etwas anderes.
Wir wissen, dass die christliche Geschichte zahlreiche Formen weiblicher Gemeinschaft hervorgebracht hat.
Frauen konnten ohne Ehemänner leben.
Sie konnten Gemeinschaften gründen.
Sie konnten Wissen weitergeben.
Sie konnten einander pflegen.
Sie konnten einander vermissen.
Sie konnten miteinander alt werden.
Und sie konnten einander Familie werden.
Das ist vielleicht die eigentliche Entdeckung unseres Essays.
Wir haben nach Sexualität gesucht – und Intimität gefunden.
Wir haben nach lesbischer Identität gesucht – und Wahlverwandtschaft gefunden.
Wir haben nach einer anderen Form von Familie gesucht – und entdeckt, dass Familie größer sein kann als das biologische Band.
Und Mariä Himmelfahrt führt uns noch einen Schritt weiter.
Maria erinnert daran, dass der Mensch größer ist als die Kategorien, mit denen wir ihn beschreiben.
Eine Frau ist mehr als Ehefrau oder Mutter.
Eine Beziehung ist mehr als ihre sexuelle Definition.
Eine Familie ist mehr als biologische Abstammung.
Und ein Mensch ist mehr als seine gesellschaftliche Rolle.
Maria steht dafür als Zeichen:
Jungfrau und Mutter.
Frau und Glaubende.
Mensch und Hoffnung.
Leib und Seele.
Irdisches Leben und himmlische Vollendung.
Vielleicht ist genau darin die tiefste Verbindung zwischen unserer Frage nach weiblicher Intimität und dem Fest Mariä Himmelfahrt:
Wir haben nach Sexualität gesucht – und Intimität gefunden.
Wir haben nach Identität gesucht – und Beziehung gefunden.
Wir haben nach Familie gesucht – und Wahlverwandtschaft gefunden.
Und am Ende begegnen wir einem Menschen, dessen ganzes Menschsein nach katholischem Verständnis in Gott vollendet wird.
Vielleicht ist deshalb der 15. August ein besonders geeigneter Tag, diese Geschichte neu zu betrachten.
Nicht als Geschichte einer eindeutig etikettierten Sexualität.
Sondern als Geschichte von Menschen, die einander nicht gleichgültig waren.
Rainer Langlitz