
Gott, Land und Gewalt. Über Monotheismus, Zionismus und den Nahostkonflikt
Die Suche nach einem humanistischen Frieden im Nahen Osten – oder: Wenn Religion wieder einmal zur Quelle von Konflikten wird
Die drei wichtigsten Gedanken dieses Aufsatzes:
- Religion darf nicht zur politischen Rechtfertigung von Gewalt und Gebietsansprüchen werden. „Gott will es“ darf kein Argument gegen andere Menschen sein.
- Menschen dürfen nicht kollektiv schuldig gemacht werden. Hamas ist nicht Gaza, die israelische Regierung ist nicht Israel. Jüdisches und palästinensisches Leben sind gleich wertvoll.
- Frieden beginnt mit Humanismus. Nicht „Juden gegen Palästinenser“ oder „Religion gegen Religion“, sondern Menschen gegen Entmenschlichung. Geschichte soll verstanden, aber nicht zur Grundlage neuen Hasses werden.
Inhalt dieses Aufsatzes:
Einleitung: Wenn Gott zum politischen Argument wird
- Der 7. Oktober 2023 und die moralische Ausgangslage
- Gaza ist nicht gleich Hamas – Israel ist nicht gleich seine Regierung
- Der historische Hintergrund: Zwei Völker, zwei traumatische Geschichtserfahrungen
- Zionismus: Antwort auf Verfolgung und zugleich Teil eines territorialen Konflikts
- Jerusalem und das Problem des heiligen Landes
- „Gott hat uns dieses Land versprochen“
- Monotheismus und die Gefahr des Absolutheitsanspruchs
- „Deus vult“ – wenn Religion zum politischen Instrument wird
- Der dritte große historische Komplex: Israel, Palästina und religiöser Nationalismus
- Die Siedlungspolitik und die Frage des internationalen Rechts
- Das Gegenstück: islamistischer Absolutheitsanspruch
- Das Bild der Atombombe: Wenn Hass zur Vernichtungsphantasie wird
- Die humanitäre Katastrophe in Gaza
- Das eigentliche Problem: Die Kollektivierung von Schuld
- Antisemitismus und Palästinenserfeindlichkeit müssen gleichermaßen bekämpft werden
- Warum der Konflikt so schwer lösbar ist
- Welche Lösung könnte möglich sein?
- Ein anderer Blick auf Gott
- Der Deismus als mögliche Alternative
- Vom Theozentrismus zum Humanismus
- Wir sind zuerst Menschen
- Die wichtigste Grenze ist deshalb keine Landesgrenze
- Frieden bedeutet nicht, die Geschichte zu vergessen
- Was müsste sich verändern?
- Die eigentliche Friedensarbeit findet im Kopf statt
- Religion muss nicht verschwinden – aber sie muss ihre politische Absolutheit verlieren
- Eine humanistische Zukunft
Schluss: Wem gehört das Land?
Einleitung: Wenn Gott zum politischen Argument wird
Der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern gehört zu den konfliktreichsten und emotionalsten politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Er ist zugleich ein Konflikt, in dem sich historische Erfahrungen, nationale Identitäten, territoriale Ansprüche, Sicherheitsinteressen, Flucht und Vertreibung, Antisemitismus, Palästinenserfeindlichkeit, religiöse Überzeugungen und politische Macht miteinander verbinden.
Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 hat diese Konfliktgeschichte in eine neue Dimension geführt. Hamas und mit ihr verbündete bewaffnete Gruppen griffen Israel an, töteten und entführten Menschen und verübten schwere Verbrechen an Zivilisten. Dieser Angriff ist durch nichts zu rechtfertigen. Das Recht eines Volkes auf Selbstbestimmung kann niemals ein Recht darauf begründen, unschuldige Menschen zu ermorden oder zu entführen.
Ebenso wenig darf jedoch die Verurteilung des Hamas-Terrors dazu führen, das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung zu relativieren. Die nachfolgenden israelischen Militäroperationen haben im Gazastreifen eine humanitäre Katastrophe von enormem Ausmaß verursacht. Auch palästinensisches Leben besitzt denselben Wert wie israelisches Leben.
Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Frage dieses Essays:
Was geschieht, wenn politische und territoriale Ansprüche religiös absolut gesetzt werden – wenn Menschen nicht mehr nur sagen: „Dieses Land gehört zu unserer politischen Gemeinschaft“, sondern: „Gott hat es uns gegeben“?
Ein solcher Anspruch ist politisch besonders schwer zu lösen. Denn über politische Grenzen kann man verhandeln. Über vermeintliche göttliche Verfügungen kann der Mensch hingegen nur sehr schwer verhandeln.
Damit stellt sich zugleich eine weitergehende philosophische Frage: Welche Rolle sollte Religion in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft spielen? Und kann ein humanistischer oder deistischer Zugang dazu beitragen, politische Konflikte von religiösen Absolutheitsansprüchen zu entlasten?
1. Der 7. Oktober 2023 und die moralische Ausgangslage
Am 7. Oktober 2023 durchbrachen Kämpfer der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen die israelischen Sperranlagen und griffen israelisches Staatsgebiet an. Menschen wurden getötet, misshandelt und verschleppt. Unter den Opfern befanden sich zahlreiche Zivilisten.
Dieser Angriff war kein legitimer Akt des Widerstands gegen eine politische Ordnung, sondern ein Terrorangriff auf Menschen.
Das muss am Beginn jeder ernsthaften Betrachtung unmissverständlich festgestellt werden.
Gleichzeitig darf man zwei Dinge nicht miteinander verwechseln:
Die Verantwortung der Hamas für den Terrorangriff ist nicht die Verantwortung der gesamten palästinensischen Bevölkerung.
Ebenso wenig sind jüdische Menschen weltweit verantwortlich für Entscheidungen der israelischen Regierung oder des israelischen Militärs.
Eine der großen Gefahren dieses Konflikts besteht gerade darin, dass aus politischen Gegnern schnell religiöse oder ethnische Kollektive gemacht werden:
„die Juden“,
„die Muslime“,
„die Israelis“,
„die Palästinenser“.
Damit beginnt die Entmenschlichung.
Wer dagegen einen Menschen zunächst als Menschen betrachtet, bevor er ihn einer Nation, Religion oder politischen Gruppe zuordnet, schafft die wichtigste Voraussetzung für Frieden.
2. Gaza ist nicht gleich Hamas – Israel ist nicht gleich seine Regierung
Ein weiterer grundlegender Unterschied ist notwendig.
Der Gazastreifen wurde seit 2007 von der Hamas politisch kontrolliert. Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder Mensch in Gaza Hamas-Anhänger ist oder für deren Taten verantwortlich gemacht werden kann.
Genauso wenig ist jeder israelische Staatsbürger für die Politik der jeweiligen israelischen Regierung verantwortlich.
Diese Unterscheidung klingt selbstverständlich. In einem Krieg wird sie jedoch häufig vergessen.
Gerade deshalb muss ein humanistischer Standpunkt auf einem einfachen Prinzip bestehen:
Keine politische Organisation, keine Regierung, keine Religion und keine Ideologie darf den Wert eines unschuldigen Menschenlebens relativieren.
Das gilt für die Opfer des 7. Oktober ebenso wie für die palästinensischen Opfer des Krieges.
3. Der historische Hintergrund: Zwei Völker, zwei traumatische Geschichtserfahrungen
Der heutige Konflikt ist nicht am 7. Oktober 2023 entstanden.
Er besitzt eine lange Geschichte.
Jüdische Geschichte ist über Jahrtausende von Verfolgung, Vertreibung, Entrechtung und Gewalt geprägt. Bereits in der Antike wurden jüdische Reiche von Großmächten erobert. Das Babylonische Exil, die römische Herrschaft, die Zerstörung Jerusalems und des Zweiten Tempels, spätere Vertreibungen und schließlich die jahrhundertelange Diskriminierung jüdischer Menschen in Europa gehören zu dieser Geschichte.
Im mittelalterlichen Europa wurden Juden immer wieder zu Sündenböcken gemacht. Es kam zu Pogromen, Zwangsbekehrungen und Vertreibungen. Während der Kreuzzüge wurden jüdische Gemeinden massakriert. Später folgten unter anderem die Vertreibungen aus England, Frankreich und Spanien.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich schließlich der moderne Antisemitismus. Juden wurden nun nicht mehr nur aus religiösen Gründen diskriminiert, sondern zunehmend rassistisch definiert.
Der Höhepunkt dieser Entwicklung war der Nationalsozialismus.
Der Holocaust bedeutete die systematische Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden.
Wer den Zionismus und die Entstehung Israels verstehen möchte, darf diese Geschichte nicht ausblenden.
Der Wunsch nach einem sicheren jüdischen Staat entstand nicht im historischen Vakuum.
4. Zionismus: Antwort auf Verfolgung und zugleich Teil eines territorialen Konflikts
Der moderne Zionismus entstand im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund des europäischen Nationalismus und des wachsenden Antisemitismus.
Theodor Herzl und andere Zionisten vertraten die Auffassung, dass Juden ihre Sicherheit nicht dauerhaft von der Toleranz anderer Gesellschaften abhängig machen könnten. Sie sollten vielmehr über einen eigenen politischen Schutzraum verfügen.
Das historische Palästina wurde zum zentralen Bezugspunkt dieser Bewegung.
Damit entstand jedoch ein grundlegendes Problem:
Das Land, das für viele Juden zum Symbol historischer und religiöser Rückkehr wurde, war zugleich die Heimat einer bereits dort lebenden arabischen Bevölkerung.
Die jüdische Einwanderung nahm insbesondere während der britischen Mandatszeit zu. Der Konflikt zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung verschärfte sich.
Der UN-Teilungsplan von 1947 sah schließlich die Schaffung eines jüdischen und eines arabischen Staates vor. Die jüdische Seite akzeptierte den Plan grundsätzlich, die arabische Seite lehnte ihn ab.
1948 wurde Israel gegründet.
Der darauf folgende Krieg führte zur Entstehung des Staates Israel, aber zugleich zur Flucht und Vertreibung großer Teile der palästinensischen Bevölkerung.
Für Israelis steht 1948 deshalb vielfach für Unabhängigkeit und nationale Selbstbestimmung.
Für Palästinenser steht 1948 für die Nakba, die Katastrophe.
Beide Erinnerungen existieren gleichzeitig.
Und genau darin liegt eine der großen Schwierigkeiten des Konflikts:
Zwei Völker erzählen die Geschichte desselben Landes aus zwei unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Perspektiven.
Exkurs 1 ("Zionismus")
1. Zionismus: Begriff und historische Entwicklung
Zionismus ist eine politische und nationale Bewegung des jüdischen Volkes, die das Ziel hatte (und hat), einen jüdischen Nationalstaat im historischen Gebiet des biblischen Israel/Palästina zu errichten und zu sichern.
Ursprünge:
- Entstand im 19. Jahrhundert im Kontext des europäischen Nationalismus und als Reaktion auf Antisemitismus.
- Bedeutende Figur: Theodor Herzl, veröffentlichte 1896 „Der Judenstaat“ und organisierte 1897 den ersten Zionistenkongress in Basel.
- Idee: Juden sollen nicht auf Integration oder Emanzipation in Europa hoffen, sondern einen eigenen Staat aufbauen.
Umsetzung:
- Ab Ende des 19. Jahrhunderts wanderten jüdische Einwanderer (in sog. „Aliyot“) ins damalige Osmanische Palästina.
- Nach dem Ersten Weltkrieg unter britischem Mandat (Balfour-Deklaration 1917: Unterstützung eines „nationalen Heims für das jüdische Volk“).
2. Gründung Israels und Folgen
- 1947: Die UNO schlägt einen Teilungsplan vor: ein jüdischer und ein arabischer Staat, Jerusalem unter internationaler Kontrolle – von den Juden akzeptiert, von den Arabern abgelehnt.
- 1948: Gründung des Staates Israel. Daraufhin kam es zum ersten arabisch-israelischen Krieg.
- Folge: Hunderttausende Palästinenser fliehen oder werden vertrieben (Nakba, „Katastrophe“ aus palästinensischer Sicht).
- Der Staat Israel etabliert sich – aber kein Palästinenserstaat entsteht.
3. Siedlungspolitik Israels
Nach dem Sechstagekrieg (1967):
- Israel besetzte Westjordanland, Ostjerusalem, Gazastreifen, Golanhöhen, Sinai (Sinai später an Ägypten zurückgegeben).
- Besonders umstritten: Das Westjordanland und Ostjerusalem, wo Israel nach 1967 begann, Siedlungen zu bauen.
Siedlungen:
- Jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten gelten nach internationalem Recht (z. B. Genfer Konvention) als illegal.
- Israel sieht viele Siedlungen (insbesondere in Ostjerusalem und großen Blöcken) als „natürliche Erweiterung“.
- Mittlerweile leben über 700.000 israelische Siedler in Ostjerusalem und im Westjordanland.
4. Der israelisch-palästinensische Konflikt
Hauptkonfliktpunkte:
- Gebietsansprüche: Palästinenser beanspruchen Westjordanland, Gazastreifen und Ostjerusalem für einen eigenen Staat.
- Jerusalem: Israel beansprucht ganz Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt; Palästinenser fordern Ostjerusalem als ihre Hauptstadt.
- Flüchtlingsfrage: Rund 5–6 Millionen Palästinenser leben im Exil – Forderung nach „Rückkehrrecht“ ist hoch umstritten.
- Sicherheit und Gewalt: Raketenangriffe, Attentate, militärische Reaktionen, Besatzung, Blockaden (v. a. in Gaza).
- Siedlungspolitik: Verhindert aus Sicht vieler die Zwei-Staaten-Lösung, da das Westjordanland zunehmend zersiedelt wird.
5. Friedensprozesse und aktuelle Situation
Versuche einer Lösung:
- Oslo-Abkommen (1993/1995): Palästinensische Autonomiebehörde (PA) gegründet, gegenseitige Anerkennung. Zwei-Staaten-Lösung in Aussicht.
- Camp David (2000) und andere Verhandlungen scheiterten an Kernfragen (Jerusalem, Flüchtlinge, Grenzen, Siedlungen).
- Intifadas (palästinensische Aufstände) in 1987–1993 und 2000–2005 führten zu Eskalationen.
Heute:
- Keine konkreten Friedensverhandlungen.
- Gaza: Seit 2007 von der Hamas kontrolliert, die Israel nicht anerkennt; Israel und Ägypten halten Blockade aufrecht.
- Westjordanland: Teilweise unter Kontrolle der PA, aber stark durch israelisches Militär und Siedlungen geprägt.
- Periodische Eskalationen: z. B. Gaza-Kriege (2008, 2012, 2014, 2021, 2023), hohe Opferzahlen auf beiden Seiten.
Exkurs 1 Ende.
5. Jerusalem und das Problem des heiligen Landes
Der Konflikt wird zusätzlich dadurch verschärft, dass das Land nicht nur politisch, sondern auch religiös aufgeladen ist.
Jerusalem besitzt für Juden, Christen und Muslime eine herausragende Bedeutung.
Für das Judentum ist Jerusalem das Zentrum der jüdischen Geschichte und des Tempelkultes.
Für Christen ist Jerusalem mit dem Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu verbunden.
Für Muslime besitzt Jerusalem insbesondere durch den Tempelberg beziehungsweise Haram al-Scharif eine zentrale Bedeutung.
Damit wird aus einer territorialen Frage zugleich eine religiöse Frage.
Und religiöse Fragen besitzen eine besondere politische Sprengkraft.
Wenn ein Mensch sagt:
„Dieses Gebiet gehört uns aus historischen Gründen“,
kann man über historische Argumente diskutieren.
Wenn er dagegen sagt:
„Dieses Gebiet gehört uns, weil Gott es uns gegeben hat“,
wird eine politische Auseinandersetzung leicht zu einer Auseinandersetzung über vermeintliche göttliche Wahrheiten.
6. „Gott hat uns dieses Land versprochen“
Genau hier setzt die zentrale Aussage an, die mich zu diesem Essay geführt hat:
„Gott hat Gaza den Juden versprochen.“
Eine solche Aussage ist politisch hochproblematisch.
Denn selbst wenn jemand persönlich an eine göttliche Verheißung glaubt, folgt daraus noch lange nicht, dass andere Menschen ihre Heimat, ihre Rechte oder ihr Leben verlieren müssen.
Ein religiöses Bekenntnis kann für einen Menschen existenziell wichtig sein. Es kann aber nicht automatisch als völkerrechtlicher Eigentumsnachweis dienen.
Das gilt im Übrigen für jede Religion.
Ein Muslim kann nicht aufgrund einer religiösen Überzeugung verlangen, dass andere Menschen politische Rechte verlieren.
Ein Jude kann dies ebenfalls nicht.
Ein Christ kann es ebenso wenig.
Göttliche Legitimation ersetzt keine politische Legitimation.
Das ist ein entscheidender Grundsatz eines säkularen Rechtsstaates.
7. Monotheismus und die Gefahr des Absolutheitsanspruchs
Hier beginnt die religionsphilosophische Ebene meines Essays.
Monotheismus bedeutet zunächst schlicht den Glauben an einen einzigen Gott.
Daraus folgt nicht automatisch Gewalt.
Millionen jüdische, christliche und muslimische Menschen leben ihren Glauben friedlich, humanistisch und tolerant.
Es wäre deshalb falsch zu behaupten:
Monotheismus führt zwangsläufig zu Gewalt.
Das tut er nicht.
Problematisch kann vielmehr eine bestimmte Form religiösen Denkens werden: der exklusive Absolutheitsanspruch, verbunden mit politischer Macht.
Wenn ein Mensch davon überzeugt ist, seine politische Position entspreche unmittelbar dem Willen Gottes, entsteht eine besondere Gefahr.
Denn wer glaubt, im Auftrag Gottes zu handeln, kann dazu gelangen, politische Gegner nicht mehr als legitime Mitmenschen, sondern als Feinde einer göttlichen Ordnung zu betrachten.
Aus „Ich glaube, dass Gott dies will“ kann dann werden:
„Gott will dies – deshalb muss es geschehen.“
Und aus diesem Gedanken kann wiederum werden:
„Wer sich dagegenstellt, stellt sich gegen Gott.“
Damit wird Kompromissfähigkeit zerstört.
8. „Deus vult“ – wenn Religion zum politischen Instrument wird
Die europäische Geschichte liefert hierfür eindrucksvolle Beispiele.
Im Zusammenhang mit den Kreuzzügen wurde der Ruf „Deus vult“ – „Gott will es“ zu einem Ausdruck religiös legitimierter Gewalt.
Die Kreuzzüge waren allerdings nicht ausschließlich religiöse Ereignisse. Politische, wirtschaftliche und machtpolitische Interessen spielten ebenfalls eine bedeutende Rolle.
Gerade dies ist wichtig:
Religion wirkt in der Geschichte häufig nicht isoliert, sondern gemeinsam mit Macht, Politik, Nationalismus und wirtschaftlichen Interessen.
Auch der Dreißigjährige Krieg zeigt, dass religiöse Gegensätze mit dynastischen und machtpolitischen Interessen verschmolzen.
Religion war also nicht immer die alleinige Ursache von Gewalt.
Aber sie konnte Gewalt legitimieren.
Und genau diese Funktion ist gefährlich.
9. Der dritte große historische Komplex: Israel, Palästina und religiöser Nationalismus
Im heutigen Nahostkonflikt begegnen wir einer ähnlichen Verbindung von Religion und Politik.
Der Zionismus war ursprünglich keineswegs ausschließlich eine religiöse Bewegung. Viele frühe Zionisten waren säkular.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Der Staat Israel entstand nicht einfach als religiöser Staat, sondern auch als Ausdruck jüdischer nationaler Selbstbestimmung und als Reaktion auf den europäischen Antisemitismus.
Gleichzeitig entwickelte sich insbesondere der religiöse Zionismus zu einer politischen Kraft, die territoriale Ansprüche teilweise religiös begründet.
Auf der anderen Seite existieren islamistische Bewegungen, die ebenfalls religiöse Vorstellungen mit territorialen und politischen Ansprüchen verbinden.
Hamas ist hierfür ein besonders wichtiges Beispiel.
Damit treffen nicht einfach „zwei Religionen“ aufeinander.
Vielmehr treffen nationale Bewegungen, historische Traumata, politische Interessen, Sicherheitsinteressen, religiöse Überzeugungen und territoriale Ansprüche aufeinander.
Das macht den Konflikt so kompliziert.
10. Die Siedlungspolitik und die Frage des internationalen Rechts
Ein weiterer zentraler Streitpunkt ist die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland und in Ostjerusalem.
Seit dem Sechstagekrieg von 1967 kontrolliert Israel verschiedene Gebiete, die von den Palästinensern für einen künftigen Staat beansprucht werden.
Der israelische Siedlungsbau in den besetzten Gebieten wird von einem großen Teil der internationalen Staatengemeinschaft als völkerrechtswidrig betrachtet.
Die Siedlungspolitik hat deshalb eine doppelte Bedeutung:
Sie ist einerseits eine konkrete politische und territoriale Frage.
Andererseits wird sie von Teilen des religiösen Zionismus religiös legitimiert.
Genau hier zeigt sich erneut die Problematik religiöser Territorialansprüche.
Wenn Land nicht nur als politischer Raum, sondern als von Gott zugesprochenes Heiligtum verstanden wird, wird territoriale Kompromissbereitschaft erheblich schwieriger.
11. Das Gegenstück: islamistischer Absolutheitsanspruch
Eine seriöse Betrachtung darf dabei nicht mit zweierlei Maß messen.
Auch islamistischer Fundamentalismus kann Religion politisch absolut setzen.
Organisationen wie Hamas verbinden politische Ziele mit islamistischer Ideologie.
Der Islam ist deshalb jedoch nicht mit Hamas gleichzusetzen.
Ebenso wenig darf man Judentum mit religiösem Zionismus oder Israel mit allen Formen des Zionismus gleichsetzen.
Und Christentum ist nicht mit den Kreuzzügen gleichzusetzen.
Man muss zwischen Religion, religiöser Auslegung, politischer Ideologie und konkreter Organisation unterscheiden.
Diese Differenzierung ist für einen intelligenten Diskurs unverzichtbar.
12. Das Bild der Atombombe: Wenn Hass zur Vernichtungsphantasie wird
Besonders erschreckend ist deshalb ein Bild, das im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg verbreitet wurde:
Eine Atombombenexplosion über Gaza, verbunden mit den Worten:
„May the God of Abraham, Isaac and Jacob free Gaza like he freed Sodom and Gomorrah.“
Ein solches Bild überschreitet eine moralische Grenze.

Sodom und Gomorra stehen in der biblischen Tradition für göttliche Vernichtung.
Die Verbindung dieses Motivs mit einer Atombombenexplosion über Gaza kann deshalb als Bild einer totalen Vernichtung gelesen werden.
Es ist gefährlich, wenn Menschen in einem Krieg nicht mehr von Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit sprechen, sondern von der Vernichtung der jeweils anderen Seite.
Denn sobald die Vernichtung des anderen als göttlich legitimiert erscheint, verliert das Leben des anderen seinen moralischen Schutz.
Deshalb muss man solchen Darstellungen widersprechen – unabhängig davon, von welcher Seite sie kommen.
13. Die humanitäre Katastrophe in Gaza
Gleichzeitig darf eine religionsphilosophische Diskussion nicht den Blick auf die konkreten Menschen verlieren.
Hinter Begriffen wie „Gaza“, „Israel“, „Hamas“, „Palästina“ und „Militäroperation“ stehen Menschen.
Kinder.
Frauen.
Männer.
Alte Menschen.
Kranke.
Menschen, die Angehörige verloren haben.
Menschen, die ihre Häuser verloren haben.
Menschen, die Angst haben.
Die humanitäre Lage im Gazastreifen hat sich seit Beginn des Krieges dramatisch verschärft. Zerstörte Infrastruktur, eingeschränkte medizinische Versorgung, Vertreibung, Hunger, fehlender Zugang zu sauberem Wasser und die Zerstörung von Wohnraum haben das Leben der Zivilbevölkerung massiv beeinträchtigt.
Exkurs 2: ("Die humanitäre Katastrophe in Gaza")
Stand heute, 5. Oktober 2026, ist die humanitäre Lage im Gazastreifen weiterhin äußerst schwer, auch wenn sich einzelne Bereiche gegenüber der schlimmsten Phase 2025 verbessert haben. Besonders wichtig ist diese zeitliche Einordnung, weil einige Zahlen aus Ihrem ursprünglichen Text inzwischen überholt sind.
1. Ernährung: Verbesserung, aber weiterhin massive Unsicherheit
Nach der jüngsten Analyse der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) hat sich die Ernährungslage seit der Waffenruhe vom Oktober 2025 durch größere Hilfslieferungen verbessert. Dennoch befanden sich zwischen April und Juni 2026 mehr als 1,2 Millionen Menschen – rund 59 % der Bevölkerung Gazas – in IPC-Phase 3 oder schlechter, also in einer Krise oder einer noch schlimmeren Situation. Für Juli bis Dezember 2026 wird sogar mit mehr als 1,4 Millionen Menschen bzw. 67 % der Bevölkerung gerechnet, die von einer solchen Ernährungsunsicherheit betroffen sein könnten.
Das bedeutet: Die frühere Situation einer offiziell festgestellten Hungersnot ist nicht einfach unverändert fortzuschreiben. Aber die Ernährungssicherheit ist keineswegs wiederhergestellt. Die Versorgung bleibt stark von Hilfslieferungen abhängig und ist gegenüber Unterbrechungen sehr verletzlich.
2. Gesundheitssystem: weiterhin massiv geschädigt
Die WHO bezeichnet die Lage weiterhin als humanitären und öffentlichen Gesundheitsnotstand. Von den 36 Krankenhäusern Gazas waren Ende September lediglich 19 zumindest teilweise funktionsfähig – kein einziges vollständig. Es fehlen unter anderem Medikamente, Diagnostik, medizinische Geräte und Treibstoff. Besonders schwer betroffen sind Menschen mit chronischen Erkrankungen: Krebspatienten können teilweise nicht behandelt werden, Dialysepatienten haben keinen ausreichenden Zugang zu ihrer Behandlung und Mütter sowie Neugeborene sind besonderen Risiken ausgesetzt.
Hinzu kommen Menschen mit schweren Verletzungen und Amputationen. Die Kapazitäten für Rehabilitation und Prothesenversorgung sind weiterhin sehr begrenzt.
3. Wasser und Hygiene
Die Wasser- und Sanitärversorgung bleibt ein besonders großes Problem. Nach Angaben von OCHA sind inzwischen etwa 74 % der Bevölkerung auf per Tankwagen geliefertes Trinkwasser angewiesen. Die Produktion der Entsalzungsanlagen im Süden Gazas ist wegen fehlender Ersatzteile und technischer Ausrüstung zurückgegangen. Gleichzeitig erschweren Treibstoffmangel und fehlende Ersatzteile die Abfallentsorgung und andere grundlegende Dienstleistungen.
Damit entsteht ein gefährlicher Kreislauf:
zu wenig Wasser → schlechte Hygiene → höhere Infektionsgefahr → zusätzlich belastetes Gesundheitssystem.
Entsprechend werden weiterhin Infektionskrankheiten beobachtet. In der jüngsten OCHA-Berichterstattung machten übertragbare Krankheiten 19 % der erfassten Gesundheitskonsultationen aus; besonders häufig waren Atemwegsinfektionen, Hauterkrankungen und akute Durchfallerkrankungen.
4. Wohnen und Vertreibung
Ein besonders dramatischer Aspekt ist die Wohnsituation.
OCHA berichtet, dass mehr als 2.300 unsichere Gebäude weiterhin bewohnt werden, obwohl sie ganz oder teilweise abgerissen werden müssten. Dort leben nach vorläufigen Schätzungen etwa 44.000 Menschen.
Darüber hinaus befinden sich etwa 235.000 Menschen in 217 als mittel- bis hochwassergefährdet eingestuften Vertreibungsstandorten. Insgesamt leben damit rund 279.000 Menschen – etwa 13 % der Bevölkerung Gazas – entweder in hochwassergefährdeten Vertreibungsstandorten oder in unsicheren Gebäuden.
Das ist besonders problematisch, weil jetzt die Regen- und Wintersaison bevorsteht.
5. Hilfslieferungen: besser als früher, aber weiterhin nicht ausreichend
Die Situation ist hier etwas differenzierter als in Ihrem ursprünglichen Text.
Es gelangen inzwischen wieder erhebliche Mengen an Hilfsgütern nach Gaza. Gleichzeitig warnen die Vereinten Nationen, dass Finanzierungslücken und Beschränkungen bei der Einfuhr bestimmter lebenswichtiger Materialien die humanitäre Arbeit erheblich behindern.
Besonders problematisch ist die Finanzierung: Ab Oktober müssen beispielsweise die täglichen warmen Mahlzeiten und die monatliche Verteilung von Lebensmittelpaketen wegen fehlender finanzieller Mittel deutlich reduziert werden.
Das bedeutet: Eine Verbesserung der Versorgungslage bedeutet nicht, dass die humanitäre Krise beendet wäre.
6. Zerstörung und langfristige Folgen
Die humanitäre Katastrophe besteht deshalb nicht nur aus Hunger oder fehlenden Medikamenten.
Ein großer Teil der Infrastruktur ist zerstört oder beschädigt. Menschen haben ihre Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser, Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Existenzgrundlagen verloren. Selbst wenn die Kampfhandlungen dauerhaft beendet würden, bliebe deshalb eine gewaltige Aufgabe:
Gaza müsste über Jahre hinweg wiederaufgebaut werden.
Dazu gehören Wohnraum, Wasserleitungen, Kanalisation, Krankenhäuser, Schulen, Stromversorgung, Straßen, Landwirtschaft und wirtschaftliche Strukturen – ebenso wie die psychologische Betreuung einer Bevölkerung, die über Jahre Gewalt, Verlust und Vertreibung erlebt hat.
Exkurs 2 Ende.
Diese Menschen dürfen nicht zu einer abstrakten Zahl werden.
Ebenso dürfen israelische Opfer nicht zu einer abstrakten Zahl werden.
Das humanistische Prinzip muss universell sein oder es ist kein Humanismus.
14. Das eigentliche Problem: Die Kollektivierung von Schuld
Vielleicht liegt hier eine der wichtigsten Lehren des gesamten Konflikts.
Hamas ist nicht Gaza.
Gaza ist nicht Palästina.
Palästina ist nicht der Islam.
Israel ist nicht das Judentum.
Die israelische Regierung ist nicht das gesamte israelische Volk.
Jüdische Menschen weltweit sind nicht die israelische Regierung.
Muslime weltweit sind nicht Hamas.
Wer diese Unterschiede verwischt, produziert Feindbilder.
Und Feindbilder sind der Nährboden für Gewalt.
15. Antisemitismus und Palästinenserfeindlichkeit müssen gleichermaßen bekämpft werden
Eine ernsthafte Friedensposition muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig leisten.
Sie muss den Antisemitismus bekämpfen.
Und sie muss jede Form von Rassismus und Entmenschlichung gegenüber Palästinensern bekämpfen.
Der Holocaust darf niemals relativiert werden.
Die jüdische Bevölkerung Israels hat ein Recht auf Sicherheit.
Jüdische Menschen überall auf der Welt haben ein Recht darauf, ohne Angst vor antisemitischer Gewalt leben zu können.
Gleichzeitig haben Palästinenser ein Recht auf Menschenwürde, politische Selbstbestimmung, Sicherheit und eine lebenswerte Zukunft.
Diese beiden Forderungen widersprechen sich nicht.
Im Gegenteil:
Sie gehören zusammen.
16. Warum der Konflikt so schwer lösbar ist
Die Schwierigkeiten des Konflikts liegen nicht nur in Grenzen.
Es geht um:
- Sicherheit
- nationale Selbstbestimmung
- Jerusalem
- Siedlungen
- Flüchtlinge
- Wasser
- Ressourcen
- politische Kontrolle
- historische Traumata
- Terrorismus
- Besatzung
- internationale Interessen
- religiöse Identität
- und gegenseitiges Misstrauen.
Vor allem aber geht es um zwei Gesellschaften, die ihre eigene Geschichte als Geschichte des Überlebens verstehen.
Viele Israelis fürchten, dass ein Verzicht auf territoriale oder sicherheitspolitische Kontrolle ihre Existenz gefährden könnte.
Viele Palästinenser erleben dagegen seit Generationen Staatenlosigkeit, Vertreibung, Besatzung, Blockade und politische Entrechtung.
Beide Seiten haben deshalb ihre eigenen Traumata.
Und Menschen mit traumatischen Erfahrungen reagieren häufig besonders empfindlich auf Bedrohungen.
17. Welche Lösung könnte möglich sein?
Eine endgültige Lösung lässt sich nicht von außen am Schreibtisch verordnen.
Dennoch existieren verschiedene Modelle.
Die klassische Möglichkeit ist die Zwei-Staaten-Lösung:
Ein Staat Israel und ein unabhängiger palästinensischer Staat.
Dazu müssten Fragen wie Grenzen, Jerusalem, Siedlungen, Sicherheitsgarantien und die Flüchtlingsfrage gelöst werden.
Eine weitere Möglichkeit wäre ein binationaler Staat, in dem Israelis und Palästinenser gleichberechtigte Bürger eines gemeinsamen politischen Gemeinwesens wären.
Daneben existiert das Modell einer Konföderation, bei der zwei Staaten eng zusammenarbeiten und beispielsweise Grenzen, Infrastruktur, Wasser und Sicherheitsfragen gemeinsam organisieren.
Keines dieser Modelle ist einfach.
Aber entscheidend ist vielleicht etwas anderes:
Die politische Lösung muss die religiöse Absolutheit überwinden.
Niemand darf sagen:
„Gott hat dieses Land ausschließlich uns gegeben.“
Vielmehr müsste die politische Frage lauten:
Wie können Menschen mit unterschiedlichen Religionen, historischen Erinnerungen und nationalen Identitäten gemeinsam in Sicherheit und Würde leben?
18. Ein anderer Blick auf Gott
Damit komme ich zu meiner eigentlichen religionsphilosophischen These.
Ich halte es für problematisch, Gott unmittelbar als politischen Akteur der Weltgeschichte zu verstehen.
Wenn Menschen sagen:
„Gott hat uns dieses Land gegeben“,
„Gott will diesen Krieg“,
„Gott wird unsere Feinde vernichten“,
oder
„Gott steht auf unserer Seite“,
dann wird eine religiöse Vorstellung unmittelbar zur politischen Legitimation.
Das ist gefährlich.
Denn woher weiß ein Mensch mit Sicherheit, was Gott politisch will?
Und wie kann er diese Behauptung gegenüber einem Menschen rechtfertigen, der an einen anderen Gott glaubt – oder an gar keinen?
19. Der Deismus als mögliche Alternative
Hier erscheint mir der Deismus philosophisch interessant.
Der Deismus geht grundsätzlich von einem Schöpfer beziehungsweise einer ersten Ursache aus, ohne notwendigerweise anzunehmen, dass dieser Gott fortwährend in die Geschichte eingreift, politische Entscheidungen trifft oder bestimmten Völkern konkrete Territorien zuspricht.
Ein deistisches Gottesverständnis könnte deshalb einen gewissen Abstand zwischen Gott und menschlicher Machtpolitik schaffen.
Gott wird nicht zum politischen Parteiführer.
Gott wird nicht zum militärischen Befehlshaber.
Gott wird nicht zum Eigentümernachweis eines bestimmten Territoriums.
Das bedeutet nicht, dass der Deismus automatisch „friedlich“ ist oder dass Menschen durch einen philosophischen Gottesbegriff plötzlich bessere Menschen werden.
Aber er kann einen Gedanken fördern, den ich für außerordentlich wichtig halte:
Der Mensch darf seine politischen Entscheidungen nicht einfach als unmittelbaren Willen Gottes ausgeben.
20. Vom Theozentrismus zum Humanismus
Noch wichtiger erscheint mir allerdings der Schritt vom theologischen zum humanistischen Denken.
Die entscheidende Frage sollte nicht lauten:
„Auf welcher Seite steht Gott?“
Sondern:
„Auf welcher Seite steht der Mensch?“
Und die Antwort sollte lauten:
Auf der Seite des Lebens.
Auf der Seite des Kindes, das nicht sterben soll.
Auf der Seite der Mutter, die ihren Sohn nicht verlieren soll.
Auf der Seite des Menschen, der in einem Bunker sitzt.
Auf der Seite des Menschen, dessen Haus zerstört wurde.
Auf der Seite des Menschen, der Angst vor einem Terroranschlag hat.
Auf der Seite des Menschen, der seine Familie verloren hat.
Auf der Seite des Menschen, der als Flüchtling geboren wurde.
Auf der Seite jedes Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft oder Nationalität.
Das ist für mich der Kern eines modernen Humanismus.
21. Wir sind zuerst Menschen
Vielleicht ist dies die einfachste und zugleich schwierigste Erkenntnis:
Wir sind alle Menschen.
Bevor ein Mensch Jude ist, ist er Mensch.
Bevor ein Mensch Muslim ist, ist er Mensch.
Bevor ein Mensch Christ ist, ist er Mensch.
Bevor ein Mensch Israeli oder Palästinenser ist, ist er Mensch.
Bevor ein Mensch Zionist, Islamist, Atheist oder Deist ist, ist er Mensch.
Diese gemeinsame menschliche Identität darf niemals durch politische oder religiöse Identitäten vollständig überlagert werden.
Denn sobald die Gruppenidentität wichtiger wird als das Individuum, wird der einzelne Mensch austauschbar.
Dann wird aus „ein Mensch wurde getötet“ plötzlich „einer von denen wurde getötet“.
Und genau dort beginnt moralische Entmenschlichung.
22. Die wichtigste Grenze ist deshalb keine Landesgrenze
Wir diskutieren im Nahostkonflikt ständig über Grenzen.
Welche Grenze gehört zu Israel?
Welche Grenze gehört zu Palästina?
Wo verläuft die Grenze Jerusalems?
Wo dürfen Siedlungen bestehen?
Doch vielleicht existiert eine noch wichtigere Grenze:
Die Grenze zwischen Menschlichkeit und Entmenschlichung.
Diese Grenze darf niemals überschritten werden.
Kein Terroranschlag darf sie überschreiten.
Keine Regierung darf sie überschreiten.
Kein Militär darf sie überschreiten.
Keine Religion darf sie überschreiten.
Keine Ideologie darf sie überschreiten.
Und auch kein Gott darf als Rechtfertigung dafür missbraucht werden.
23. Frieden bedeutet nicht, die Geschichte zu vergessen
Frieden bedeutet nicht, die jüdische Geschichte zu vergessen.
Er bedeutet nicht, den Holocaust zu vergessen.
Er bedeutet nicht, die Nakba zu vergessen.
Er bedeutet nicht, Terrorismus zu relativieren.
Er bedeutet nicht, Besatzung, Siedlungspolitik oder Vertreibung zu ignorieren.
Frieden bedeutet vielmehr, die Geschichte so ernst zu nehmen, dass man aus ihr nicht den nächsten Krieg konstruiert.
Die Geschichte sollte erklären, warum Menschen Angst haben.
Sie sollte aber nicht bestimmen, wen die nächste Generation hassen muss.
24. Was müsste sich verändern?
Ein wirklicher Friedensprozess müsste deshalb mehrere Ebenen gleichzeitig berücksichtigen.
Erstens müsste die Gewalt beendet und die Zivilbevölkerung geschützt werden.
Zweitens müssten Geiseln freigelassen und Terrororganisationen daran gehindert werden, weitere Anschläge durchzuführen.
Drittens müsste die palästinensische Bevölkerung eine realistische politische Perspektive erhalten.
Viertens müsste Israel langfristige und glaubwürdige Sicherheitsgarantien erhalten.
Fünftens müssten die Fragen von Grenzen, Siedlungen, Jerusalem und Flüchtlingen ernsthaft verhandelt werden.
Sechstens müsste internationale Vermittlung dazu beitragen, einen politischen Prozess zu stabilisieren.
Und siebtens – vielleicht am schwierigsten – müsste sich das Denken verändern.
Menschen müssten lernen, den anderen nicht mehr ausschließlich als Feind zu betrachten.
25. Die eigentliche Friedensarbeit findet im Kopf statt
Kein Friedensvertrag allein kann einen Konflikt dauerhaft lösen, wenn die Menschen weiterhin davon überzeugt sind, dass der andere grundsätzlich böse ist.
Deshalb braucht Frieden auch Bildung.
Begegnung.
Dialog.
Gemeinsame Projekte.
Aufarbeitung.
Erinnerung.
Und die Bereitschaft, die Geschichte auch aus der Perspektive des anderen zu betrachten.
Ein Israeli muss die palästinensische Erfahrung verstehen können, ohne deshalb die israelische Geschichte aufzugeben.
Ein Palästinenser muss die jüdische Geschichte und den Holocaust verstehen können, ohne deshalb seine eigene Geschichte aufzugeben.
Das ist schwierig.
Aber Frieden besteht gerade darin, Widersprüche auszuhalten, ohne den anderen vernichten zu müssen.
26. Religion muss nicht verschwinden – aber sie muss ihre politische Absolutheit verlieren
Ich würde deshalb meine Kritik an Religion nicht dahingehend verstehen, dass jeder religiöse Mensch irrational oder gefährlich sei.
Das wäre ebenso falsch wie ungerecht.
Religion kann Trost geben.
Sie kann Gemeinschaft schaffen.
Sie kann Menschen zu Nächstenliebe, Barmherzigkeit und sozialem Engagement bewegen.
Sie hat Kultur, Kunst, Musik, Architektur und gesellschaftliche Entwicklung entscheidend geprägt.
Aber Religion besitzt eine gefährliche Seite, sobald sie sich mit absoluter politischer Macht verbindet.
Dann kann aus:
„Ich glaube an Gott“
werden:
„Ich kenne Gottes politischen Willen.“
Und daraus kann schließlich werden:
„Wer mir widerspricht, widerspricht Gott.“
Diese Entwicklung halte ich für gefährlich.
27. Eine humanistische Zukunft
Deshalb erscheint mir der Humanismus als eine wichtige Alternative.
Der Humanismus benötigt keine gemeinsame religiöse Überzeugung.
Ein Jude kann Humanist sein.
Ein Muslim kann Humanist sein.
Ein Christ kann Humanist sein.
Ein Atheist kann Humanist sein.
Ein Deist kann Humanist sein.
Der gemeinsame Bezugspunkt ist nicht die Frage:
„Was glaubt der andere?“
sondern:
„Wie behandeln wir einander?“
Das ist für mich die entscheidende ethische Frage.
Schluss: Wem gehört das Land?
Vielleicht ist die Frage „Wem gehört Palästina?“ letztlich falsch gestellt.
Denn wenn wir sie ausschließlich territorial verstehen, werden wir vermutlich immer wieder bei der Frage landen, wer wem etwas wegnehmen darf.
Die vielleicht bessere Frage lautet:
Wem gehört die Zukunft?
Sie gehört nicht Gott.
Sie gehört nicht einer Religion.
Sie gehört nicht einer politischen Partei.
Sie gehört nicht Hamas.
Sie gehört nicht einer Regierung.
Sie gehört nicht einer Ideologie.
Sie gehört den Menschen, die in dieser Region leben und leben wollen.
Juden und Palästinenser werden ihre Geschichte nicht auslöschen können.
Sie werden ihre Toten nicht zurückbringen können.
Sie werden ihre traumatischen Erfahrungen nicht ungeschehen machen können.
Aber sie können entscheiden, ob diese Erfahrungen an die nächste Generation als Auftrag zur Versöhnung oder als Auftrag zum Hass weitergegeben werden.
Das Bild einer Atombombe über Gaza sollte uns deshalb nicht dazu bringen, noch härter zurückzuschlagen.
Es sollte uns erschrecken.
Es sollte uns zeigen, wie weit die Entmenschlichung bereits gehen kann.
Und vielleicht sollte es uns zu einer ganz einfachen Erkenntnis zurückführen:
Kein Mensch besitzt einen höheren Wert, weil er auf der „richtigen“ Seite geboren wurde.
Kein Kind ist schuldig, weil es als jüdisches oder palästinensisches Kind geboren wurde.
Kein Mensch muss sterben, damit eine religiöse Prophezeiung erfüllt wird.
Kein Territorium ist so heilig, dass dafür unschuldige Menschen sterben müssen.
Und kein politischer Anspruch kann größer sein als das Recht eines Menschen auf Leben.
Wenn es einen Gott gibt, dann sollte der Mensch ihn nicht als Rechtfertigung für seine Gewalt benutzen.
Und wenn es keinen Gott gibt, dann liegt die Verantwortung für Frieden und Menschlichkeit umso eindeutiger bei uns selbst.
Vielleicht ist genau dies die wichtigste Konsequenz aus der Geschichte:
Wir können nicht darauf warten, dass Gott Frieden schafft.
Wir müssen ihn selbst schaffen.
Nicht als Juden gegen Muslime.
Nicht als Muslime gegen Juden.
Nicht als Israelis gegen Palästinenser.
Nicht als Gläubige gegen Ungläubige.
Sondern als Menschen.
Wir sind alle Menschen.
Und vielleicht beginnt Frieden genau dort.
Rainer Langlitz
