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Ehe, Liebe und Freiheit – Ist die traditionelle Ehe noch zeitgemäß?

Liebe braucht Nähe. Liebe braucht aber auch Freiheit.

„Die Ehe ist ein Versuch, zu zweit mit den Problemen fertig zu werden, die man allein niemals gehabt hätte.“
Eddie Cantor (1892–1965), amerikanischer Schauspieler und Schriftsteller

Einleitung

Liebe, Partnerschaft und Ehe gehören zu den ältesten Formen menschlichen Zusammenlebens. Über Jahrhunderte galt die Ehe als Ideal einer dauerhaften Verbindung zwischen zwei Menschen – verbunden mit Liebe, Treue, Familie und gegenseitiger Verantwortung.

Doch unsere Gesellschaft hat sich verändert. Frauen und Männer sind heute unabhängiger, traditionelle Rollenbilder verlieren an Bedeutung und unterschiedliche Formen von Partnerschaft werden zunehmend akzeptiert. Gleichzeitig stehen Menschen mehr Möglichkeiten offen, andere Partner kennenzulernen und ihre eigenen Vorstellungen von Liebe und Sexualität zu verwirklichen.

Damit stellt sich die Frage: Ist die traditionelle Ehe mit ihrer Forderung nach lebenslanger Monogamie noch zeitgemäß – oder braucht Liebe vor allem Freiheit und persönliche Selbstbestimmung?

Dieser Frage möchte ich im Folgenden nachgehen und dabei insbesondere die Themen Monogamie, Sexualität, Eifersucht, Alltag, gesellschaftlichen Wandel und alternative Beziehungsformen betrachten.

Hauptteil

I. Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Kennen wir nicht alle diese Gedanken und dieses typische „Kopfkino“, das in einer Beziehung irgendwann entstehen kann?

  • „Bin ich gut genug für ihn oder sie?“
  • „Jetzt will er oder sie schon wieder Sex oder kuscheln … oh nein! Ich habe Kopfschmerzen, bin müde oder hatte einen anstrengenden Tag.“
  • „Bin ich wirklich der oder die Einzige für ihn oder sie?“
  • „Wie oft ist er oder sie eigentlich schon fremdgegangen?“
  • „Wie er oder sie diese andere Person schon wieder anschaut … will er oder sie etwa etwas von ihr?“
  • „Mit ihm oder ihr kann mein Partner stundenlang reden – mit mir redet er oder sie dagegen kaum noch.“

Solche Gedanken gehören für viele Menschen zur Realität von Beziehungen. Sie zeigen, dass Liebe keineswegs nur aus romantischen Gefühlen besteht. Vertrauen, Sexualität, Alltag, Eifersucht, Selbstwertgefühl, gegenseitige Erwartungen und die Angst vor Verlust spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle.

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang vom „verflixten siebten Jahr“ gesprochen. Gemeint ist die Vorstellung, dass eine Beziehung nach einigen Jahren an einen Punkt kommt, an dem sich entscheidet, ob sie dauerhaft funktioniert oder zerbricht. Unabhängig davon, ob gerade das siebte Jahr tatsächlich eine besondere Bedeutung besitzt, beschreibt dieses Bild ein reales Problem: Die anfängliche Verliebtheit verändert sich. Aus Leidenschaft wird Alltag, aus Überraschung wird Vertrautheit und aus einem aufregenden Gegenüber wird ein Mensch, dessen Gewohnheiten man sehr genau kennt.

Damit stellen sich einige grundlegende Fragen:

  • Was ist innerhalb einer Ehe echte Liebe – und was ist möglicherweise nur Gewohnheit?
  • Wo beginnt Heuchelei?
  • Welche Rolle spielen mangelndes Selbstbewusstsein und Verlustängste?
  • Wann wird Eifersucht zum Problem?
  • Inwiefern kann der gemeinsame Alltag die Liebe und Erotik verändern?
  • Welche Bedeutung hat die Vielzahl potenzieller Partner, die uns heute durch Arbeit, Freizeit, Internet und soziale Medien begegnen?
  • Passen Männer und Frauen – oder Menschen generell – tatsächlich dauerhaft zusammen?
  • Wodurch gelingt eine langfristige Beziehung?
  • Und schließlich: Ist der Mensch überhaupt von Natur aus für lebenslange Monogamie geschaffen?

Diese Fragen führen direkt zum eigentlichen Thema dieses Aufsatzes: Ist die Ehe als lebenslange, monogame Zweierbeziehung noch ein zeitgemäßes Ideal – oder gibt es andere Beziehungsformen, die für manche Menschen besser funktionieren können?

II. Die Ehe – Natur, Gesellschaft und Religion

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich zunächst ein Blick zurück.

Die Verbindung zwischen Menschen, Sexualität und Fortpflanzung ist selbstverständlich wesentlich älter als die Institution der Ehe. Menschen haben sich – wie andere Lebewesen auch – fortgepflanzt, Kinder bekommen und diese gemeinsam großgezogen.

Dabei darf man sich allerdings nicht vorstellen, dass die heutige Ehe einfach eine natürliche und unveränderliche Einrichtung des Menschen sei. Vielmehr haben sich Formen des Zusammenlebens im Laufe der Geschichte unterschiedlich entwickelt. Partnerschaft, Sexualität, Eigentum, Abstammung, Erbrecht und die Versorgung von Kindern waren und sind eng miteinander verbunden.

Gerade die Geburt und Versorgung von Kindern dürfte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dauerhafter sozialer Bindungen gespielt haben. Kinder sind über einen langen Zeitraum auf Schutz, Nahrung und Fürsorge angewiesen. Eine stabile Gemeinschaft konnte deshalb für Eltern und Kinder erhebliche Vorteile besitzen.

Mit der Entwicklung komplexer Gesellschaften erhielt auch die Ehe zunehmend eine soziale, wirtschaftliche und religiöse Funktion. Sie regelte nicht ausschließlich Liebe und Sexualität, sondern beispielsweise Fragen von Abstammung, Besitz, Erbrecht und gegenseitiger Verantwortung.

Auch in der jüdisch-christlichen Tradition wird die Verbindung von Mann und Frau als besonders schützenswert dargestellt. In Genesis 2,24 heißt es sinngemäß, dass Mann und Frau zu „einem Fleisch“ werden. Gleichzeitig wird im Dekalog der Ehebruch ausdrücklich verboten (Exodus 20,14; Deuteronomium 5,18).

Damit wird deutlich: Die Ehe war nie ausschließlich eine private Liebesangelegenheit. Sie hatte immer auch eine gesellschaftliche Ordnungsfunktion.

Interessant ist außerdem der besondere Schutz von Witwen und Waisen in der biblischen Tradition. In der Apostelgeschichte 6,1–3 wird beispielsweise davon berichtet, dass sich die frühe christliche Gemeinde um Witwen kümmerte. Das zeigt, wie eng Familie, soziale Sicherheit und gegenseitige Fürsorge miteinander verbunden waren.

Die Ehe kann deshalb historisch betrachtet als eine Institution verstanden werden, die verschiedene Aufgaben miteinander verband: Sexualität, Fortpflanzung, Kindererziehung, wirtschaftliche Zusammenarbeit, soziale Absicherung und gegenseitige Fürsorge.

Doch die Gesellschaft hat sich verändert.

Und genau hier beginnt das Problem der modernen Ehe.

III. Die Emanzipation (der Frauen) und die Veränderung traditioneller Rollen

Über Jahrhunderte waren die Rollen von Männern und Frauen in vielen Gesellschaften stark festgelegt. Der Mann galt als Ernährer und Familienoberhaupt, während der Frau vor allem die Rolle der Ehefrau, Mutter und Hausfrau zugeschrieben wurde.

Diese Ordnung hat sich insbesondere in den vergangenen Jahrhunderten grundlegend verändert.

Die Frauenbewegung erkämpfte schrittweise Rechte, die heute selbstverständlich erscheinen: Zugang zu Bildung, politische Mitbestimmung, Erwerbstätigkeit, Eigentumsrechte und eine größere persönliche Selbstbestimmung.

Spätestens seit der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts wurde die traditionelle Rollenverteilung zunehmend infrage gestellt. Frauen wollten nicht mehr ausschließlich über ihre Rolle als Ehefrau und Mutter definiert werden.

Diese Entwicklung halte ich grundsätzlich für einen großen Fortschritt.

Denn wenn eine Ehe darauf beruht, dass eine Person von der anderen wirtschaftlich abhängig ist, entsteht ein Machtgefälle. Eine moderne Partnerschaft sollte dagegen möglichst auf Freiwilligkeit, Gleichberechtigung und gegenseitiger Anerkennung beruhen.

Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Selbstständigkeit von Frauen verändert deshalb zwangsläufig auch die Bedeutung der Ehe.

Die Frau braucht den Mann heute nicht mehr in demselben Maße als Versorger, wie dies in früheren Gesellschaften der Fall war.

Damit verändert sich aber auch die Frage:

Wenn die wirtschaftliche Notwendigkeit der Ehe abnimmt – was bleibt als eigentliche Begründung für eine lebenslange Ehe übrig?

Meine Antwort lautet: Liebe, Vertrauen, gemeinsame Lebensplanung und gegenseitige Verantwortung können sehr gute Gründe sein.

Aber sie sind keine Garantie dafür, dass eine Beziehung ein Leben lang funktioniert.

IV. Gleichberechtigung homosexueller Menschen und die Öffnung des Ehebegriffs

Eine weitere große gesellschaftliche Veränderung betrifft homosexuelle Menschen.

Auch sie mussten lange um gesellschaftliche Anerkennung und rechtliche Gleichstellung kämpfen. In Deutschland war insbesondere § 175 StGB ein Ausdruck dieser Diskriminierung. Die Vorschrift stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und wurde erst 1994 endgültig abgeschafft.

Heute ist die gesellschaftliche und rechtliche Situation grundlegend anders. In Deutschland können seit dem 1. Oktober 2017 auch gleichgeschlechtliche Paare eine Ehe schließen.

Diese Entwicklung zeigt etwas Entscheidendes:

Die gesellschaftliche Vorstellung davon, was Ehe bedeutet, ist veränderbar.

Die Ehe war nicht immer das, was wir heute unter ihr verstehen. Sie hat sich historisch verändert und wird auch heute weiter verändert.

Das halte ich für wichtig, weil es zeigt, dass wir die Ehe nicht als eine unveränderliche, von der Natur vorgegebene Institution betrachten müssen.

Ich sehe deshalb auch die Emanzipation homosexueller Menschen als wichtigen Schritt zu mehr persönlicher Freiheit und Gleichberechtigung.

Kritisch sehe ich dagegen religiöse oder gesellschaftliche Positionen, die Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung grundsätzlich abwerten oder ihnen gleiche Rechte verweigern. Gerade wenn eine Institution wie die Ehe mit Liebe, Treue und gegenseitiger Verantwortung begründet wird, stellt sich die Frage, warum diese Werte nur heterosexuellen Paaren zugänglich sein sollten.

V. Das eigentliche Problem: Liebe zwischen Freiheit und Bindung

Damit sind wir beim Kernproblem angekommen.

Eine Ehe verlangt in ihrer klassischen Form nicht nur Liebe, sondern in der Regel auch Treue, Exklusivität und eine langfristige Bindung.

Das klingt zunächst wunderbar.

Aber genau darin liegt gleichzeitig ein möglicher Konflikt.

Der Mensch besitzt neben seinem Bedürfnis nach Sicherheit, Nähe und Bindung auch ein Bedürfnis nach Freiheit, Abwechslung und persönlicher Selbstverwirklichung.

Diese beiden Bedürfnisse können miteinander kollidieren.

Sexualität und das „Marktangebot“ möglicher Partner

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der Menschen ständig anderen potenziellen Partnern begegnen. Arbeitsplatz, Freizeit, Reisen, soziale Netzwerke und Dating-Plattformen erweitern die Möglichkeiten enorm.

Damit steigt auch die Versuchung.

Ein verheirateter Mensch kann seinen Partner lieben und trotzdem einen anderen Menschen attraktiv finden.

Das ist meiner Ansicht nach ein entscheidender Punkt:

Liebe und sexuelle Anziehung sind nicht zwingend dasselbe.

Man kann einen Menschen lieben und dennoch andere Menschen attraktiv finden.

Die traditionelle Ehe verlangt jedoch häufig, dass ausgerechnet diese Tatsache nicht oder nur schwer ausgesprochen werden darf.

Hier entsteht ein Spannungsfeld zwischen biologischem Begehren, emotionaler Bindung und gesellschaftlicher Erwartung.

Bereits in Goethes Wahlverwandtschaften wird dieses Problem literarisch dargestellt: Menschen können trotz bestehender Beziehungen eine neue und starke Anziehung zu anderen Personen entwickeln. Goethe macht daraus eine dramatische Frage nach dem Verhältnis von Leidenschaft, Vernunft und gesellschaftlicher Verpflichtung.

Auch Sigmund Freud beschäftigte sich mit der menschlichen Sexualität und der Libido, also der psychischen Energie des Begehrens.

Man muss Freuds Theorie nicht vollständig übernehmen, um eine einfache Beobachtung ernst zu nehmen:

Sexuelles Begehren lässt sich nicht einfach per Ehevertrag abschalten.

Das bedeutet nicht, dass Fremdgehen unvermeidbar ist.

Es bedeutet aber, dass die Ehe einen Menschen nicht automatisch von seinen Wünschen, Fantasien und Bedürfnissen befreit.

VI. Der Alltag – wenn aus Leidenschaft Gewohnheit wird

Ein weiterer Faktor ist der Alltag.

Am Anfang einer Beziehung ist vieles neu. Man lernt den anderen kennen, entdeckt seine Eigenheiten und freut sich über gemeinsame Erlebnisse.

Doch irgendwann kennt man die Geschichten des anderen. Man kennt seine Gewohnheiten, seine Macken und möglicherweise sogar seine Antworten, bevor er oder sie sie ausgesprochen hat.

Vertrautheit ist etwas Positives.

Aber zu viel Routine kann gleichzeitig die Spannung reduzieren.

Das betrifft auch die Sexualität.

Was am Anfang aufregend und überraschend war, kann nach Jahren zur Routine werden. Dabei ist nicht die langjährige Beziehung an sich das Problem. Das Problem entsteht vielmehr dann, wenn beide Partner aufhören, sich gegenseitig wirklich wahrzunehmen, miteinander zu sprechen und ihre Beziehung aktiv zu gestalten.

Liebe braucht deshalb nicht nur Treue, sondern auch Aufmerksamkeit, Kommunikation, Neugier und die Bereitschaft zur Veränderung.

Die Frage lautet also nicht nur:

„Lieben wir uns noch?“

Sondern auch:

„Interessieren wir uns noch füreinander?“

VII. Eifersucht – Liebe oder Besitzanspruch?

Ein besonders großes Problem vieler Beziehungen ist die Eifersucht.

Franz Grillparzer hat es treffend formuliert:

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“

Eifersucht entsteht häufig aus Verlustangst und Unsicherheit. Sie kann entstehen, wenn der Partner anderen Menschen Aufmerksamkeit schenkt oder wenn man befürchtet, selbst nicht mehr attraktiv oder wichtig genug zu sein.

Dabei ist Eifersucht nicht automatisch ein Zeichen großer Liebe.

Manchmal ist sie vielmehr Ausdruck eines mangelnden Selbstwertgefühls.

Wer sagt:

„Du darfst diesen Menschen nicht treffen.“

oder

„Du darfst mit niemand anderem so eng befreundet sein.“

versucht möglicherweise nicht nur, die Beziehung zu schützen, sondern auch, den anderen zu kontrollieren.

Hier beginnt für mich ein grundlegendes Problem der traditionellen Ehe:

Aus Liebe kann Besitzdenken werden.

„Das ist meine Frau.“

„Das ist mein Mann.“

„Du gehörst zu mir.“

Solche Formulierungen sind gesellschaftlich völlig normal. Trotzdem steckt in ihnen ein Gedanke, den ich problematisch finde: der Gedanke, ein anderer Mensch könne einem gehören.

Ein Mensch kann sich freiwillig für einen anderen Menschen entscheiden.

Aber ein Mensch sollte niemals Eigentum eines anderen Menschen sein.

VIII. Ist der Mensch zur Monogamie geboren?

Damit kommen wir zu einer der schwierigsten Fragen dieses Aufsatzes:

Ist der Mensch von Natur aus monogam?

Die Antwort ist meiner Ansicht nach nicht einfach.

In verschiedenen Kulturen der Menschheitsgeschichte existierten unterschiedliche Formen von Partnerschaft und Ehe. Neben der Monogamie gab und gibt es auch verschiedene Formen der Polygamie, etwa Polygynie oder Polyandrie.

Das allein beweist zwar nicht, dass der Mensch „eigentlich“ polygam ist.

Es zeigt aber, dass Monogamie keine weltweit identische und unveränderliche soziale Ordnung darstellt.

Auch innerhalb monogamer Gesellschaften gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Treue bedeutet. Für manche Menschen bedeutet Treue sexuelle Exklusivität. Für andere steht emotionale Loyalität im Vordergrund. Wieder andere können sich offene Beziehungen vorstellen.

Deshalb halte ich die Behauptung „Der Mensch ist eindeutig für lebenslange Monogamie geschaffen“ für zu einfach.

Genauso falsch wäre allerdings die umgekehrte Behauptung, der Mensch sei grundsätzlich nicht monogam.

Der Mensch scheint vielmehr verschiedene Bedürfnisse zu besitzen: nach Bindung, Nähe, Sicherheit, Sexualität, Freiheit und Abwechslung.

Die Herausforderung besteht darin, diese Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren.

IX. Eine mögliche Alternative: Freundschaft Plus

Wenn kein Kinderwunsch besteht und zwei Menschen keine klassische Ehe wünschen, stellt sich für mich deshalb die Frage, ob eine andere Form des Zusammenlebens sinnvoller sein kann.

Eine solche Möglichkeit sehe ich in der „Freundschaft Plus“.

Damit meine ich eine Beziehung, in der zwei Menschen eine vertrauensvolle Freundschaft pflegen und gleichzeitig eine sexuelle Beziehung miteinander haben, ohne zwangsläufig die klassische Verpflichtung einer Ehe oder festen Partnerschaft einzugehen.

Natürlich ist auch diese Lebensform kein Patentrezept.

Sie kann Vorteile besitzen:

  1. weniger gesellschaftlicher und partnerschaftlicher Verpflichtungsdruck,
  2. eine bereits vorhandene Vertrauensbasis,
  3. möglicherweise mehr Freiheit,
  4. die Möglichkeit klarer gegenseitiger Absprachen,
  5. weniger Anspruch auf sexuelle Exklusivität,
  6. eine größere persönliche Unabhängigkeit.

Aber es gibt auch erhebliche Nachteile:

  1. Einer der Beteiligten kann sich verlieben.
  2. Die ursprüngliche Freundschaft kann dadurch dauerhaft verändert werden.
  3. Eifersucht kann trotzdem entstehen.
  4. Erwartungen können auseinandergehen.
  5. Auch eine Freundschaft Plus kann jederzeit beendet werden – und genau das kann emotional schmerzhaft sein.

Gerade deshalb sind Ehrlichkeit und klare Absprachen entscheidend.

Eine Freundschaft Plus funktioniert meiner Ansicht nach nicht dadurch, dass man Gefühle verdrängt, sondern dadurch, dass beide Beteiligten ehrlich darüber sprechen, was sie wollen und was sie nicht wollen.

X. Freiheit statt Besitz

Hier liegt letztlich meine persönliche Kritik an der traditionellen Ehe.

Ich glaube nicht, dass Liebe dadurch stärker wird, dass man einen Menschen besitzt.

Im Gegenteil:

Liebe braucht Freiheit.

Eine Beziehung sollte nicht darauf beruhen:

„Du gehörst mir.“

Sondern vielmehr:

„Du könntest gehen – aber du entscheidest dich freiwillig dafür, bei mir zu bleiben.“

Für mich ist dieser Unterschied entscheidend.

Die Vorstellung, dass zwei Menschen freiwillig zusammenbleiben, erscheint mir romantischer als die Vorstellung, dass sie zusammenbleiben müssen, weil sie einmal geheiratet haben.

Natürlich bedeutet Freiheit nicht Verantwortungslosigkeit.

Wer einen anderen Menschen liebt, sollte ihn nicht absichtlich verletzen, belügen oder betrügen. Auch eine freie Beziehung braucht Regeln – möglicherweise sogar mehr Ehrlichkeit als eine traditionelle Beziehung.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob diese Regeln freiwillig vereinbart oder lediglich gesellschaftlich vorgeschrieben werden.

XI. Fazit: Ist die Ehe noch ein Ideal?

Ist die Ehe also noch ein Ideal?

Für manche Menschen sicherlich. Für andere nicht.

Ich möchte die Ehe deshalb weder grundsätzlich abschaffen noch als Lebensform schlechtreden.

Für Menschen, die gemeinsam alt werden, Kinder großziehen, füreinander Verantwortung übernehmen und sich bewusst für lebenslange Treue entscheiden wollen, kann die Ehe eine sehr sinnvolle und erfüllende Lebensform sein.

Aber ich halte es für falsch, sie zum einzigen gesellschaftlich anerkannten Ideal einer gelungenen Beziehung zu machen.

Wir leben im 21. Jahrhundert.

Frauen sind heute wesentlich unabhängiger als früher. Männer müssen nicht mehr zwangsläufig die alleinige Rolle des Ernährers übernehmen. Homosexuelle Menschen können ihre Partnerschaften rechtlich anerkennen lassen. Menschen leben allein, in Patchworkfamilien, in unverheirateten Partnerschaften, in offenen Beziehungen oder in anderen Formen des Zusammenlebens.

Diese Vielfalt sollte nicht als Verfall der Gesellschaft verstanden werden, sondern zunächst als Ausdruck persönlicher Freiheit.

Die entscheidende Frage lautet für mich deshalb nicht:

„Welche Beziehungsform ist die richtige?“

Sondern:

„Welche Beziehungsform ist für die beteiligten Menschen ehrlich, freiwillig, respektvoll und glücklich?“

Wer heiraten möchte, soll heiraten.

Wer allein leben möchte, soll allein leben.

Wer eine klassische monogame Beziehung möchte, soll sie führen.

Und wer eine andere Form des Zusammenlebens wählt, sollte ebenfalls die Möglichkeit haben, seinen eigenen Weg zu gehen – solange alle Beteiligten freiwillig zustimmen und niemand dadurch verletzt oder ausgenutzt wird.

Gerade deshalb sehe ich die Freundschaft Plus – insbesondere für Menschen ohne Kinderwunsch – als eine interessante Alternative zur traditionellen Ehe. Sie ist sicherlich nicht für jeden Menschen geeignet. Aber sie kann für manche Menschen eine Möglichkeit sein, Nähe und Sexualität mit persönlicher Freiheit zu verbinden.

Letztlich muss jeder Mensch seinen eigenen Weg zum Glück finden.

Für mich bedeutet das vor allem:

Seien wir ehrlich zu uns selbst.

Betrügen wir nicht den eigenen Partner – aber auch nicht die eigenen Gefühle.

Denn manchmal besteht das eigentliche Problem nicht darin, dass eine Beziehung endet.

Das eigentliche Problem kann darin bestehen, dass zwei Menschen jahrelang in einer Beziehung bleiben, die längst nicht mehr ihren Bedürfnissen entspricht, nur weil die Gesellschaft ihnen erzählt, dass eine Ehe unbedingt ein Leben lang halten muss.

Vielleicht ist deshalb nicht die Ehe selbst das Problem.

Vielleicht ist das Problem die Vorstellung, dass eine einzige Form der Liebe für alle Menschen gleichermaßen funktionieren muss.

Ich wünsche deshalb jedem Menschen, seine persönliche Form von Glück zu finden – und den Mut zu haben, sie auch zu leben.

Schlussteil / Resümee

Die Auseinandersetzung mit der Ehe zeigt, dass sie keineswegs eine unveränderliche oder für alle Menschen gleichermaßen passende Lebensform ist. Sie hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert und muss sich auch heute an die gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen.

Für mich liegt das zentrale Problem der traditionellen Ehe weniger in der Ehe selbst als in den Erwartungen, die häufig mit ihr verbunden werden: lebenslange Treue, sexuelle Exklusivität und die Vorstellung, dass der Partner gewissermaßen „zu einem gehört“. Liebe sollte meiner Meinung nach jedoch nicht auf Besitz und Zwang beruhen, sondern auf Freiwilligkeit, Vertrauen, Ehrlichkeit und gegenseitigem Respekt.

Das bedeutet nicht, dass die Ehe überholt oder grundsätzlich falsch ist. Für viele Menschen kann sie eine erfüllende und stabile Form des Zusammenlebens sein. Sie kann Sicherheit, Nähe und Verbindlichkeit schaffen. Aber sie sollte nicht als die einzig richtige Form von Liebe betrachtet werden.

Gerade in einer modernen Gesellschaft sollte jeder Mensch die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, welche Form des Zusammenlebens zu ihm passt. Für manche ist es die klassische Ehe, für andere eine unverheiratete Partnerschaft, eine offene Beziehung oder – insbesondere ohne Kinderwunsch – vielleicht auch eine „Freundschaft Plus“.

Entscheidend ist für mich deshalb nicht die Bezeichnung einer Beziehung, sondern die Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen. Ehrlichkeit ist wichtiger als gesellschaftliche Konvention, freiwillige Treue wertvoller als erzwungene Treue und Freiheit wichtiger als Besitzdenken.

Vielleicht besteht das Ideal einer modernen Beziehung deshalb nicht unbedingt darin, ein Leben lang zusammenbleiben zu müssen. Vielleicht besteht es vielmehr darin, sich immer wieder freiwillig füreinander zu entscheiden.

Letztlich muss jeder Mensch seinen eigenen Weg zum persönlichen Glück finden. Dabei sollte niemand seine eigenen Gefühle verleugnen oder nur deshalb an einer Beziehung festhalten, weil es die Gesellschaft von ihm erwartet.

Liebe braucht Nähe – aber sie braucht auch Freiheit.

Vielleicht liegt genau in diesem Spannungsfeld eines der grundlegenden Probleme menschlicher Beziehungen. Der Psychoanalytiker Fritz Riemann beschreibt in seinem Werk Grundformen der Angst vier grundlegende Ängste des Menschen: die Angst vor Selbstaufgabe und Nähe, die Angst vor Selbstständigkeit und Abgrenzung, die Angst vor Veränderung und die Angst vor Festlegung und Begrenzung. Diese vier Grundformen machen deutlich, dass der Mensch gleichzeitig zwei scheinbar gegensätzliche Bedürfnisse in sich trägt: Er möchte mit einem anderen Menschen verbunden sein und zugleich seine eigene Freiheit bewahren.

Übertragen auf die Liebe bedeutet das: Wir wünschen uns Nähe, Geborgenheit und Verlässlichkeit – und fürchten gleichzeitig, uns selbst in einer Beziehung zu verlieren. Wir wünschen uns Freiheit und Veränderung – und sehnen uns dennoch nach Sicherheit und Beständigkeit.

Vielleicht besteht die Kunst einer gelungenen Beziehung deshalb gerade darin, diese Gegensätze auszuhalten und miteinander zu verbinden. Liebe bedeutet nicht, den anderen zu besitzen, sondern ihm nahe zu sein, ohne ihm seine Freiheit zu nehmen.

Abhängig in der Unabhängigkeit – unabhängig in der Abhängigkeit

Vielleicht braucht es für die moderne Beziehung gar keine vollständige Entscheidung zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit. Vielleicht liegt die Lösung vielmehr darin, beides miteinander zu verbinden.

Eine neue Form der Ehe oder Partnerschaft könnte bedeuten:

abhängig in der Unabhängigkeit – oder unabhängig in der Abhängigkeit.

Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, beschreibt für mich eine besondere Form von Freiheit und Verbundenheit.

„Abhängig in der Unabhängigkeit“ bedeutet: Ich bin grundsätzlich ein selbstständiger Mensch. Ich kann allein leben, mein eigenes Geld verdienen, eigene Entscheidungen treffen und meinen eigenen Weg gehen. Trotzdem entscheide ich mich freiwillig dafür, einen anderen Menschen in mein Leben einzubeziehen. Ich mache mich nicht von ihm abhängig – aber ich bin auf seine Nähe, seine Zuneigung und seine emotionale Verbundenheit angewiesen, weil Beziehungen für den Menschen grundsätzlich wichtig sein können.

„Unabhängig in der Abhängigkeit“ bedeutet dagegen: Auch innerhalb einer engen Beziehung bleibe ich ein eigenständiger Mensch. Ich darf lieben, ohne zu besitzen. Ich darf mich binden, ohne mich selbst aufzugeben. Ich darf Nähe zulassen, ohne meine persönliche Freiheit zu verlieren.

Damit würde sich auch die Bedeutung von Ehe und Partnerschaft verändern. Der Partner wäre nicht mehr jemand, der „mir gehört“, sondern jemand, für den ich mich immer wieder freiwillig entscheide.

Vielleicht ist genau das die Verbindung der beiden menschlichen Grundbedürfnisse, die auch Fritz Riemann in seinen Überlegungen zur menschlichen Angst beschreibt: Der Mensch sucht einerseits Nähe, Geborgenheit und Zugehörigkeit, andererseits aber auch Freiheit, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit. Eine Beziehung, die nur auf Nähe basiert, kann zur Abhängigkeit werden. Eine Beziehung, die nur auf Freiheit basiert, kann dagegen in Distanz und Einsamkeit führen.

Das Ideal könnte deshalb nicht darin bestehen, einen möglichst großen Abstand oder eine möglichst große Nähe zu erreichen. Es könnte vielmehr darin liegen, Nähe und Freiheit gleichzeitig auszuhalten und zu ermöglichen.

Eine moderne Ehe müsste dann vielleicht nicht mehr bedeuten:

„Du gehörst mir und ich gehöre dir.“

Sondern:

„Ich brauche dich nicht, um vollständig zu sein – aber ich möchte dich in meinem Leben haben.“

Und vielleicht ist gerade diese freiwillige Entscheidung füreinander eine besonders freie Form der Liebe.

Liebe braucht Nähe. Liebe braucht aber auch Freiheit.

Rainer Langlitz

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