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Deutschland ohne Atomkraft – verliert der Industriestandort seine Energie-Basis?

Das Ende des deutschen Energieprivilegs. De-Industrialisierung, Kernenergie und die Zukunft des Industriestandorts Deutschland

Deutschland war über Jahrzehnte eine der führenden Industrienationen der Welt. Sein Erfolg beruhte auf einer besonderen Kombination: hochqualifizierte Arbeitskräfte, leistungsfähige Infrastruktur, technologische Kompetenz, dichte industrielle Wertschöpfungsketten und – ein oft unterschätzter Faktor – vergleichsweise günstige und verlässliche Energie.

Dieses Modell gerät seit einigen Jahren unter Druck. Die industrielle Produktion ist zurückgegangen, besonders energieintensive Branchen haben erhebliche Einbußen erlitten, und Investitionen werden zunehmend auch an ausländischen Standorten getätigt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland noch über industrielle Kompetenz verfügt. Das tut es. Die Frage ist, ob sich diese Kompetenz am Standort Deutschland noch zu international wettbewerbsfähigen Kosten in Produktion umsetzen lässt.

Die deutsche Industrie verliert vor allem ihren bisherigen Energie-Kostenvorteil. Der Atomausstieg ist dabei nicht die alleinige Ursache, aber ein wesentlicher Bestandteil einer energiepolitischen Zäsur, deren Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit bislang nicht vollständig aufgefangen sind.

Während Deutschland aus der Kernenergie ausgestiegen ist, setzen andere Industriestaaten weiterhin auf Kernenergie. Kernenergie bleibt in großen Industriestaaten Teil der Energie- und Industriepolitik.

(Quelle: https://world-nuclear.org/information-library/country-profiles/others/emerging-nuclear-energy-countries)

Während Deutschland aus der Kernenergie ausgestiegen ist, setzen andere Industriestaaten weiterhin auf Kernenergie. Kernenergie bleibt in großen Industriestaaten Teil der Energie- und Industriepolitik.

Kernkraft hat eine für die Industrie interessante Eigenschaft:

Sie liefert große Mengen Strom unabhängig davon, ob gerade Wind weht oder die Sonne scheint.

Das ist für energieintensive Industrie relevant, weil diese kontinuierliche Versorgung benötigt.

Deutschland hat nicht nur eine Energiequelle abgeschaltet. Es hat sich entschieden, eine bestimmte Art von Energieversorgung – kontinuierliche, CO₂-arme Stromerzeugung durch Kernkraft – nicht mehr als Bestandteil seines zukünftigen Industriemixes zu verwenden. Andere große Industrieländer treffen hier eine andere strategische Entscheidung.

Das Bild fasst die Auswirkungen des deutschen Atomausstiegs zusammen. Die letzten drei deutschen Kernkraftwerke wurden am 15. April 2023 abgeschaltet. Dadurch veränderte sich die deutsche Energieversorgung: Das Bild stellt unter anderem mögliche Auswirkungen auf Strompreise, CO₂-Emissionen, Importabhängigkeit und Netzstabilität dar. Gleichzeitig wurden Wind- und Solarenergie weiter ausgebaut. Insgesamt verdeutlicht das Bild, dass der Atomausstieg neue Anforderungen an die Energieversorgung stellt und dadurch erneuerbare Energien, Netzausbau und Speicher an Bedeutung gewinnen.

Das Ende des alten Geschäftsmodells

Ein wesentlicher Bestandteil des deutschen Industriemodells war über viele Jahre preisgünstiges russisches Erdgas. Für die Chemieindustrie war Gas nicht nur Energieträger, sondern teilweise auch Rohstoff. Auch Stahl, Glas, Papier, Keramik und andere Branchen sind in hohem Maße energieabhängig.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Zusammenbruch der bisherigen Gasversorgung änderte sich die Situation fundamental. Die Gaspreise stiegen massiv, und über den europäischen Strommarkt wirkte sich die Verteuerung auch auf die Strompreise aus.

Die Folgen waren besonders dort gravierend, wo Energie einen großen Anteil der Produktionskosten ausmacht. Das Statistische Bundesamt zeigt, dass die energieintensive Industrie seit Beginn der Energiekrise deutlich stärker zurückgegangen ist als die Industrie insgesamt.

Damit wurde ein strukturelles Problem sichtbar: Deutschland konnte seine bisherigen industriellen Produkte nicht mehr mit derselben Kostenstruktur herstellen wie zuvor.

Der Unterschied ist erheblich. Ein vorübergehend hoher Energiepreis kann eine Fabrik belasten. Dauerhaft höhere Standortkosten beeinflussen dagegen die Entscheidung, ob die nächste Fabrik überhaupt noch in Deutschland gebaut wird.

De-Industrialisierung findet häufig über Investitionen statt

Der Begriff De-Industrialisierung wird häufig missverstanden. Es geht nicht darum, dass Deutschland plötzlich keine Industrie mehr besitzt. Viel entscheidender ist die Veränderung der industriellen Basis.

Ein Unternehmen kann eine bestehende Fabrik weiterbetreiben, gleichzeitig aber seine nächste Produktionsanlage im Ausland errichten. Auf diese Weise kann industrielle Wertschöpfung über Jahre schrumpfen, ohne dass es zu einem dramatischen Zusammenbruch kommt.

Für einen internationalen Konzern sind dabei langfristige Standortkosten entscheidend. Die USA verfügen über vergleichsweise günstige Energie und einen großen Binnenmarkt. Frankreich verfügt über einen großen Kernkraftsektor. Skandinavische Länder können auf große Mengen Wasserkraft zurückgreifen. China verbindet günstige Produktionsbedingungen mit enormen industriellen Skaleneffekten.

Deutschland muss deshalb nicht nur technologisch überzeugen. Es muss auch wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben.

Das wird umso schwieriger, je mehr sich mehrere Nachteile addieren: Energiepreise, Lohnkosten, Fachkräftemangel, Regulierung, Steuern und eine teilweise schwache europäische Nachfrage.

Welche Rolle spielt der Atomausstieg?

Die Kernenergie nimmt in dieser Entwicklung eine besondere Stellung ein.

Die letzten drei deutschen Kernkraftwerke wurden am 15. April 2023 abgeschaltet. Damit endete eine Stromerzeugung, die kontinuierlich verfügbar und im Betrieb CO₂-arm war.

Allerdings wäre es falsch, daraus den Energiepreisschock von 2022 abzuleiten. Die deutschen Kernkraftwerke liefen damals noch. Der entscheidende Auslöser der damaligen Preisexplosion war die Verknappung und Verteuerung des Erdgases.

Der Atomausstieg war daher nicht die Ursache der Energiekrise von 2022.

Seine Bedeutung liegt vielmehr in der langfristigen Veränderung des Energiesystems. Deutschland hat sich entschieden, mehrere bisherige Säulen seiner Energieversorgung zurückzufahren: Kernenergie ist beendet, Kohle soll ebenfalls reduziert werden, und gleichzeitig wird die Stromversorgung massiv auf Wind- und Solarenergie umgestellt.

Das kann funktionieren. Die Frage ist jedoch, ob das neue System die Anforderungen eines Industrielandes zu wettbewerbsfähigen Kosten erfüllt.

Erneuerbare Energie und industrielle Realität

Wind- und Solarenergie können Strom sehr günstig erzeugen. Ihre Erzeugung ist jedoch wetterabhängig.

Für einen industriellen Großverbraucher ist deshalb nicht nur entscheidend, wie billig Strom in Stunden hoher Wind- oder Solarproduktion ist. Entscheidend ist die Versorgung über das gesamte Jahr.

Ein industrietaugliches Energiesystem benötigt deshalb neben erneuerbarer Erzeugung auch Netze, Speicher, flexible Kraftwerke, Stromimporte und andere Formen gesicherter Leistung.

Das Problem besteht nicht darin, dass erneuerbare Energien grundsätzlich ungeeignet wären. Das Problem ist die Gesamtheit der Kosten und technischen Voraussetzungen, die erforderlich sind, um aus wetterabhängiger Erzeugung eine kontinuierliche industrielle Stromversorgung zu machen.

Damit verschiebt sich die Frage vom Kraftwerk auf das Gesamtsystem.

Deutschland muss nicht lediglich viel Strom erzeugen. Es muss ihn für Unternehmen zu einem langfristig kalkulierbaren Preis bereitstellen.

Der internationale Vergleich verschärft den Druck

Die deutsche Energiefrage fällt in eine Zeit, in der sich die globale Industrieordnung verändert.

China ist nicht mehr nur ein wichtiger Absatzmarkt deutscher Unternehmen, sondern in immer mehr Bereichen selbst ein Wettbewerber. Besonders sichtbar ist dies bei Elektrofahrzeugen, Batterien, Solartechnik und verschiedenen industriellen Technologien.

Gleichzeitig locken die USA mit günstiger Energie und umfangreichen Investitionsanreizen.

Damit verliert Deutschland einen Teil seiner bisherigen Kombination aus günstiger Energie und hoher industrieller Wertschöpfung. Die technologische Stärke bleibt zwar erhalten, kann aber steigende Produktionskosten nicht unbegrenzt ausgleichen.

Das gilt besonders für standardisierte oder energieintensive Produkte, bei denen Kunden leichter auf ausländische Anbieter ausweichen können.

Das eigentliche Risiko: Verlust von Wertschöpfungsketten

Besonders problematisch ist deshalb nicht die einzelne Fabrikschließung, sondern die mögliche Erosion ganzer industrieller Netzwerke.

Eine Chemiefabrik erzeugt nicht nur eigene Produkte. Sie schafft Nachfrage für Maschinenbauer, Logistikunternehmen, Wartungsbetriebe, Verpackungshersteller und zahlreiche Zulieferer. Verschwindet ein wichtiger Produktionsstandort, können nachgelagerte Unternehmen ebenfalls unter Druck geraten.

De-Industrialisierung kann deshalb schleichend verlaufen:

Eine Erweiterung wird nicht mehr in Deutschland gebaut.
Ein Produktionsschritt wird verlagert.
Ein Vorprodukt wird importiert.
Ein Zulieferer verliert seinen wichtigsten Kunden.

Jeder einzelne Schritt kann wirtschaftlich rational erscheinen. In ihrer Summe können sie jedoch industrielle Wertschöpfung aus dem Land verlagern.

Der Atomausstieg als Teil einer größeren strategischen Entscheidung

Damit lässt sich die Rolle der Kernenergie präziser einordnen.

Der Atomausstieg erklärt weder den gesamten industriellen Abschwung noch den Energiepreisschock von 2022. Dafür sind der Verlust des günstigen russischen Erdgases, die internationale Konkurrenz und andere Standortfaktoren wesentlich wichtiger.

Gleichzeitig hat Deutschland mit dem Atomausstieg eine bestehende Quelle kontinuierlicher und CO₂-armer Stromerzeugung aufgegeben. Das ist wirtschaftlich dann unproblematisch, wenn das neue Energiesystem ihre Funktion zuverlässig und zu vergleichbaren oder niedrigeren Gesamtkosten übernimmt.

Genau darin liegt der entscheidende Prüfstein.

Die Frage ist deshalb nicht mehr sinnvoll als:

„Atomkraft oder erneuerbare Energien?“

Sie lautet:

Kann Deutschland mit seinem neuen Energiesystem eine ebenso zuverlässige und international wettbewerbsfähige Energieversorgung für seine Industrie bereitstellen?

Wenn die Antwort langfristig ja lautet, kann der Übergang zu erneuerbaren Energien mit einem erfolgreichen Industriestandort vereinbar sein.

Wenn die Antwort nein lautet, entsteht ein dauerhafter Standortnachteil.

Schluss

Die gegenwärtige Schwäche der deutschen Industrie hat keine monokausale Erklärung. Sie ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen, die gleichzeitig wirken: der Energiepreisschock nach dem Verlust russischen Erdgases, hohe Arbeits- und Standortkosten, Fachkräftemangel, Regulierung, schwache europäische Nachfrage und zunehmender Wettbewerb aus China und den USA.

Der Atomausstieg ist dabei nicht der Hauptverursacher der deutschen De-Industrialisierung. Er ist aber Teil einer grundlegenden Entscheidung über die zukünftige Energieversorgung des Landes.

Damit liegt seine wirtschaftliche Bedeutung weniger in den drei zuletzt abgeschalteten Reaktoren als in der Frage, ob Deutschland den Übergang zu einem neuen Energiesystem erfolgreich bewältigt.

Denn für die Industrie zählt am Ende nicht, ob Energie theoretisch günstig erzeugt werden kann. Sie braucht Energie in großen Mengen, zuverlässig und zu Kosten, die im internationalen Wettbewerb bestehen.

Deutschland steht deshalb vor einer einfachen, aber weitreichenden Bewährungsprobe: Kann der klimaneutrale Umbau der Energieversorgung zugleich die industrielle Wettbewerbsfähigkeit erhalten?

Wenn das gelingt, muss die gegenwärtige industrielle Schwäche keine dauerhafte De-Industrialisierung bedeuten.

Wenn es nicht gelingt, droht ein schleichender Verlust von Produktionskapazitäten, Investitionen und Wertschöpfungsketten.

Dann würde Deutschland nicht seine industrielle Kompetenz verlieren – sondern zunehmend den wirtschaftlichen Grund, diese Kompetenz gerade hier in Deutschland in industrielle Produktion umzusetzen.

Rainer Langlitz

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