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Angst als Herrschaftsmittel

Wie Angst, Bedrohung und Unsicherheit Menschen beeinflussen können – von der Antike bis zur Gegenwart. Wie können wir mit dieser (realen und/oder missbrauchten) Angst umgehen?

Einleitung

Angst gehört zu den grundlegendsten menschlichen Gefühlen. Sie warnt uns vor Gefahren, schützt uns vor Risiken und kann in existenziellen Situationen lebensrettend sein. Gleichzeitig besitzt Angst eine zweite, gesellschaftliche und politische Dimension: Sie kann Menschen dazu bewegen, ihr Verhalten zu verändern, sich einer Autorität unterzuordnen oder auf die eigene Freiheit zugunsten vermeintlicher Sicherheit zu verzichten.

Blickt man auf die Geschichte der Menschheit zurück, findet man zahlreiche Beispiele dafür, dass Angst bewusst oder unbewusst zur Stabilisierung von Herrschaft eingesetzt wurde. Herrscher, religiöse Institutionen, revolutionäre Bewegungen und moderne Staaten haben immer wieder mit Bedrohungsszenarien gearbeitet. Dabei konnte es sich um die Angst vor göttlicher Strafe, vor äußeren Feinden, vor politischen Gegnern, vor Krankheit oder vor gesellschaftlichem Zusammenbruch handeln.

Dabei wäre es jedoch zu einfach, jede Warnung vor einer Gefahr als Manipulation zu bezeichnen. Menschen sind tatsächlich mit Gefahren konfrontiert, und staatliche Institutionen haben die Aufgabe, vor ihnen zu schützen.

Deshalb ist eine Unterscheidung von zentraler Bedeutung:

Nicht jede Angst ist manipuliert – und nicht jede berechtigte Angst wird politisch missbraucht.

Es gibt reale Gefahren, vor denen Menschen zu Recht Angst haben. Es gibt aber auch Situationen, in denen Machthaber reale oder vermeintliche Gefahren bewusst übertreiben, bestimmte Feindbilder konstruieren oder Ängste verstärken, um politische Ziele durchzusetzen.

Gerade die Geschichte des Kalten Krieges und die Kuba-Krise zeigen, wie schwierig diese Unterscheidung sein kann. Die Gefahr eines Atomkrieges war damals keine Einbildung. Sie war real.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Wie groß ist die tatsächliche Gefahr – und was macht die politische Macht aus dieser Angst?

Hauptteil

1. Die Antike – Götter, Strafe und politische Ordnung

Bereits in den Gesellschaften der Antike waren Religion und politische Ordnung eng miteinander verbunden. Die Vorstellung, dass Verstöße gegen religiöse oder gesellschaftliche Normen göttliche Konsequenzen haben könnten, stellte eine wichtige Form sozialer Kontrolle dar.

Im antiken Griechenland waren religiöse Vorstellungen eng mit dem öffentlichen Leben verbunden. Der Vorwurf der Gottlosigkeit konnte deshalb nicht einfach als private Glaubensfrage betrachtet werden. Das zeigt unter anderem der Prozess gegen Sokrates, der 399 v. Chr. wegen Gottlosigkeit und der angeblichen Verderbnis der Jugend angeklagt und zum Tode verurteilt wurde.

Dabei wäre es historisch zu einfach, seinen Prozess ausschließlich als bewusste „Angstpolitik“ zu interpretieren. Er zeigt jedoch, wie religiöse Normen, gesellschaftliche Erwartungen und politische Ordnung miteinander verbunden sein konnten.

Auch das Römische Reich verfügte über verschiedene Instrumente symbolischer und tatsächlicher Bestrafung. Die sogenannte damnatio memoriae konnte beispielsweise dazu führen, dass die Erinnerung an eine als Staatsfeind betrachtete Person aus öffentlichen Darstellungen getilgt wurde.

Die Botschaft einer solchen Bestrafung richtete sich nicht nur gegen den Betroffenen. Sie konnte auch den Lebenden zeigen:

Wer sich gegen die bestehende Ordnung stellt, muss mit Konsequenzen rechnen.

2. Das Mittelalter – Angst vor Sünde und ewiger Verdammnis

Im europäischen Mittelalter spielte die christliche Religion eine zentrale Rolle in Gesellschaft und Politik. Die Angst vor Sünde, Hölle und ewiger Verdammnis war für viele Menschen ein realer Bestandteil ihres Weltbildes.

Auch hier wäre die pauschale Aussage falsch, die Kirche habe lediglich „Angst verbreitet“, um Menschen zu beherrschen. Religion erfüllte zahlreiche soziale, kulturelle und persönliche Funktionen.

Dennoch konnten religiöse Vorstellungen mit weltlicher Macht verbunden werden.

Wer als Ketzer betrachtet wurde, konnte nicht nur mit religiöser Ausgrenzung, sondern je nach Zeit und Herrschaftsgebiet auch mit juristischen Konsequenzen rechnen.

Damit entstand eine besondere Kombination:

Angst vor einer unsichtbaren Strafe – der ewigen Verdammnis – und Angst vor einer sichtbaren Strafe – der weltlichen Verfolgung.

3. Hexenverfolgungen – wenn diffuse Angst einen Schuldigen sucht

Ein besonders anschauliches Beispiel für die gesellschaftliche Dynamik von Angst sind die europäischen Hexenverfolgungen.

Die Menschen waren mit Krankheiten, Hungersnöten, Missernten, Naturkatastrophen und hoher Kindersterblichkeit konfrontiert. Viele dieser Ereignisse konnten nicht wissenschaftlich erklärt werden.

Aus der Angst vor einer unbekannten Ursache konnte die Suche nach einem konkreten Schuldigen entstehen.

So konnte sich folgender Kreislauf entwickeln:

Angst vor einer unbekannten Gefahr → Suche nach einer Erklärung → Verdacht gegen bestimmte Personen → Verfolgung → neue Angst.

4. Die Französische Revolution – Angst vor inneren und äußeren Feinden

Auch die Französische Revolution zeigt, wie Angst politische Dynamiken verändern kann.

Frankreich befand sich in einer außergewöhnlichen Situation: Krieg mit europäischen Mächten, innere Aufstände und politische Instabilität erzeugten reale Gefahren.

Während der sogenannten Terreur von 1793 bis 1794 wurde die Angst vor Konterrevolutionären und „Feinden der Revolution“ zu einem zentralen Bestandteil der politischen Auseinandersetzung.

Hier zeigt sich ein Mechanismus, der später in anderen politischen Systemen wiederkehrt:

Wenn eine Gesellschaft glaubt, von Feinden umgeben zu sein, kann der Verdacht selbst zu einem Instrument politischer Kontrolle werden.

5. Nationalsozialismus – Angst, Propaganda und Feindbilder

Besonders deutlich und in verbrecherischem Ausmaß wurde die politische Nutzung von Angst im nationalsozialistischen Deutschland.

Die nationalsozialistische Herrschaft kombinierte Propaganda, Zensur, Überwachung, Denunziation und staatlichen Terror. Gleichzeitig wurden bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch zu Feinden erklärt.

Juden wurden durch die nationalsozialistische Ideologie zu einem zentralen Feindbild gemacht. Auch politische Gegner, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen und zahlreiche weitere Gruppen wurden verfolgt und ermordet.

Die nationalsozialistische Propaganda stellte Deutschland als von inneren und äußeren Feinden bedroht dar. Dadurch konnte die Vorstellung vermittelt werden, dass politische Geschlossenheit und Unterordnung notwendig seien, um das „Volk“ zu schützen.

Hier zeigt sich ein Extremfall:

Eine teilweise oder vollständig konstruierte Bedrohung wird benutzt, um reale Unterdrückung und Gewalt zu legitimieren.

6. Stalinismus – der „Feind“ als permanenter Verdacht

Auch unter Josef Stalin wurde Angst systematisch zur Stabilisierung der Herrschaft eingesetzt.

Während der großen Säuberungen wurden Menschen als „Volksfeinde“, Spione oder Verschwörer verfolgt.

Hier war die Grenze zwischen tatsächlicher Gefahr und politischer Konstruktion besonders problematisch.

Es gab tatsächlich äußere Gegner und politische Konflikte. Gleichzeitig wurde die Vorstellung einer allgegenwärtigen Verschwörung so weit ausgedehnt, dass sie zur Rechtfertigung massenhafter Repression dienen konnte.

Das zeigt einen entscheidenden Mechanismus:

Eine reale Gefahr kann als Ausgangspunkt dienen, um eine viel größere, teilweise konstruierte Bedrohung zu behaupten.

7. Die DDR – reale Systemkonkurrenz und politische Überwachung

Auch die DDR befand sich tatsächlich in einem internationalen Konflikt zwischen Ost und West. Die politische und militärische Konfrontation des Kalten Krieges war real.

Die DDR-Führung konnte deshalb auf eine tatsächliche äußere Bedrohung verweisen.

Problematisch wurde es dort, wo die Existenz dieser äußeren Konfrontation zur Rechtfertigung innerer Repression herangezogen wurde.

Das Ministerium für Staatssicherheit verfügte über ein umfangreiches Überwachungs- und Repressionssystem.

Damit entstand eine Vermischung:

Reale äußere Konfrontation + politische Feindbilder + innerstaatliche Repression.

8. Der Kalte Krieg – die reale Angst vor der atomaren Vernichtung

Der Kalte Krieg stellt wahrscheinlich das stärkste historische Beispiel für eine real begründete kollektive Angst dar.

Nach dem Einsatz der Atombomben gegen Hiroshima und Nagasaki war spätestens klar geworden, welches zerstörerische Potenzial Nuklearwaffen besaßen.

Die USA und die Sowjetunion bauten riesige Atomwaffenarsenale auf. Beide Seiten entwickelten Strategien der nuklearen Abschreckung.

Die Bevölkerung lebte deshalb jahrzehntelang mit der Möglichkeit, dass ein Konflikt zwischen den Supermächten zu einem Atomkrieg eskalieren könnte.

Diese Angst war nicht bloß Propaganda.

Sie hatte eine reale Grundlage.

Ein Atomkrieg hätte tatsächlich katastrophale Folgen gehabt.

9. Die Kuba-Krise – als reale Angst beinahe zur Katastrophe wurde

Besonders deutlich wird dies in der Kuba-Krise von 1962.

Die Sowjetunion stationierte atomare Mittelstreckenraketen auf Kuba. Die USA entdeckten die Anlagen und reagierten mit einer Seeblockade beziehungsweise „Quarantäne“. Die Streitkräfte wurden in hohe Alarmbereitschaft versetzt.

Die Welt stand tatsächlich am Rand eines nuklearen Konflikts.

Die Angst der Bevölkerung war deshalb begründet.

Gleichzeitig zeigt die Kuba-Krise, dass politische Reaktionen auf reale Gefahren selbst neue Gefahren erzeugen können.

Reale Bedrohung → Angst → militärische Reaktion → Gegenreaktion → erhöhte Eskalationsgefahr.

Die Krise wurde letztlich diplomatisch gelöst.

Die historische Lehre daraus ist bemerkenswert:

Bei realen Gefahren ist nicht automatisch die maximal mögliche Reaktion die sicherste Reaktion.

Besonnenheit, Kommunikation und Verhandlungen können ebenfalls Formen von Sicherheitspolitik sein.

10. HIV/AIDS – von der realen Gesundheitsgefahr zur gesellschaftlichen Angst

Anfang der 1980er Jahre wurde eine neue, lebensbedrohliche Erkrankung beobachtet. Die medizinischen Kenntnisse waren zunächst begrenzt.

Die Angst vor AIDS hatte deshalb eine reale Grundlage.

Problematisch wurde es dort, wo die medizinische Gefahr mit gesellschaftlichen Vorurteilen verbunden wurde.

HIV/AIDS wurde zunächst stark mit bestimmten Bevölkerungsgruppen verbunden. Die Krankheit wurde dadurch teilweise zu einem moralischen und gesellschaftlichen Problem gemacht.

Die Angst vor der Infektion konnte sich in Angst vor Menschen verwandeln, die mit HIV lebten.

Damit entstand:

reale Krankheit → Angst → Unwissen → Stigmatisierung → soziale Ausgrenzung.

11. Corona – reale Gefahr und politische Kommunikation

Auch die Corona-Pandemie muss in dieses Schema eingeordnet werden.

Das Virus stellte eine reale gesundheitliche Gefahr dar. Die Bevölkerung hatte deshalb allen Grund, die Pandemie ernst zu nehmen.

Gleichzeitig wurden Risiken, Maßnahmen und Verhaltensweisen politisch und medial intensiv kommuniziert.

Damit stellt sich dieselbe Frage wie bei HIV/AIDS und dem Kalten Krieg:

Wie viel Angst hilft Menschen, eine Gefahr ernst zu nehmen, und ab wann führt Angst zu einer verzerrten Wahrnehmung?

Eine Warnung vor einer realen Gefahr ist nicht dasselbe wie die bewusste Erzeugung übermäßiger Angst.

Ebenso wenig bedeutet die Tatsache, dass Menschen Angst bekommen, automatisch, dass eine Regierung sie manipulieren wollte.

12. Russland und Ukraine – reale Bedrohung und politische Kommunikation

Der russische Angriff auf die Ukraine seit Februar 2022 stellt wiederum einen Fall dar, bei dem die zugrunde liegende militärische Gefahr real ist.

Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Bundesregierung und die NATO betrachten Russland deshalb als erhebliche sicherheitspolitische Bedrohung für Europa.

Die Bundesregierung begründet mit dieser Bedrohung unter anderem höhere Verteidigungsausgaben, die Stärkung der Bundeswehr und eine stärkere europäische Verteidigungsfähigkeit.

Auch hier muss zwischen der Existenz der Gefahr und der politischen Kommunikation über diese Gefahr unterschieden werden.

Die Bundesregierung kann aus ihrer Sicht eine reale Bedrohung beschreiben und gleichzeitig eine Kommunikation wählen, die bei Teilen der Bevölkerung erhebliche Ängste hervorruft.

Diese Wirkung allein beweist noch keine bewusste Manipulationsabsicht.

13. Reale Angst und missbrauchte Angst

Aus den historischen Beispielen lässt sich eine wichtige Unterscheidung ableiten.

Reale und begründete Angst

Angst ist nachvollziehbar, wenn eine Gefahr tatsächlich existiert und die Risiken einigermaßen realistisch dargestellt werden.

Beispiele:

  • die Gefahr eines Atomkriegs während der Kuba-Krise,
  • die Gefahr einer schweren HIV-Erkrankung in den frühen Jahren der Epidemie,
  • die Gefahren einer COVID-19-Erkrankung,
  • die militärische Gefahr infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Aber auch eine reale Gefahr bedeutet nicht automatisch, dass jede daraus abgeleitete politische Maßnahme notwendig oder verhältnismäßig ist.

Missbrauchte oder überhöhte Angst

Problematisch wird Angst insbesondere dann, wenn:

  • eine Gefahr bewusst größer dargestellt wird, als sie belegt ist,
  • Unsicherheiten verschwiegen werden,
  • Gegenargumente nicht zugelassen werden,
  • ein Feindbild pauschalisiert wird,
  • eine ganze Bevölkerungsgruppe verantwortlich gemacht wird,
  • Angst zur moralischen Disqualifizierung Andersdenkender eingesetzt wird,
  • oder aus einer Bedrohung abgeleitet wird, dass es nur noch eine zulässige politische Antwort geben könne.

Gerade bei Nationalsozialismus und Stalinismus wurde dieser Mechanismus in extremer Weise sichtbar.

14. Die gefährlichste Kombination: reale Gefahr und Übertreibung

Die gefährlichste politische Situation muss nicht unbedingt darin bestehen, eine Gefahr vollständig zu erfinden.

Viel wirkungsvoller kann sein:

Eine reale Gefahr existiert – und wird politisch überhöht.

Denn die Realität liefert der Angst eine glaubwürdige Grundlage.

Dann wird es für den Einzelnen schwierig zu unterscheiden:

Was ist Tatsache?

Was ist Prognose?

Was ist politische Interpretation?

Was ist emotionale Dramatisierung?

Was ist eine notwendige Vorsichtsmaßnahme?

Was ist möglicherweise politisches Eigeninteresse?

Diese Unterscheidung ist deshalb eine zentrale Voraussetzung für eine mündige Gesellschaft.

15. Wie sollte der Einzelne mit politisch erzeugter Angst umgehen?

Damit stellt sich die vielleicht wichtigste praktische Frage des gesamten Essays:

Was kann der einzelne Mensch tun, wenn er den Eindruck hat, dass Ängste politisch verstärkt oder instrumentalisiert werden?

Die erste und wichtigste Antwort lautet:

Nicht die Angst bekämpfen – sondern ihre Grundlage überprüfen.

Angst ist zunächst ein Gefühl. Gefühle müssen nicht „falsch“ sein. Aber die Schlussfolgerungen, die wir aus ihnen ziehen, können falsch sein.

Ein hilfreicher erster Schritt ist deshalb die Trennung von:

Gefühl → Behauptung → Beleg → Wahrscheinlichkeit → Konsequenz.

Beispielsweise:

„Ich habe Angst vor einem Krieg.“

ist ein Gefühl.

„Deutschland wird in den nächsten zwei Jahren angegriffen.“

ist dagegen eine überprüfbare Behauptung.

Die beiden Dinge dürfen nicht miteinander verwechselt werden.

16. Die Frage nach dem Beleg: Information statt Angst

Wer mit einer bedrohlichen Aussage konfrontiert wird, sollte sich angewöhnen, einige einfache Fragen zu stellen:

Woher stammt diese Information?

Wer behauptet das?

Welche Daten oder Quellen werden genannt?

Ist es eine Tatsache oder eine Prognose?

Welche Unsicherheiten gibt es?

Gibt es seriöse Quellen, die zu einer anderen Einschätzung kommen?

Wie wahrscheinlich ist das Ereignis tatsächlich?

Gerade bei sehr emotionalen Aussagen ist die letzte Frage entscheidend.

Denn Menschen neigen dazu, die Möglichkeit eines Ereignisses mit seiner Wahrscheinlichkeit zu verwechseln.

Dass etwas passieren kann, bedeutet noch lange nicht, dass es wahrscheinlich passieren wird.

17. Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit auseinanderhalten

Dies ist eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Angst.

Fast jedes dramatische Ereignis ist grundsätzlich möglich.

Ein Asteroid könnte die Erde treffen.

Ein neuer Virus könnte entstehen.

Ein Krieg könnte eskalieren.

Ein Finanzsystem könnte zusammenbrechen.

Ein Terroranschlag könnte stattfinden.

Aber die entscheidende Frage lautet:

Wie wahrscheinlich ist es?

Politische Kommunikation kann manchmal bewusst oder unbewusst von der Wahrscheinlichkeit weg zur bloßen Möglichkeit springen:

„Es könnte passieren.“ → „Wir müssen vorbereitet sein.“ → „Es ist nur eine Frage der Zeit.“

Dieser Übergang sollte kritisch geprüft werden.

18. Nicht jede Warnung als Manipulation interpretieren

Ebenso wichtig ist die Gegenrichtung.

Wer gelernt hat, politische Angsterzeugung kritisch zu betrachten, kann in die entgegengesetzte Falle geraten:

Jede Warnung wird automatisch als Propaganda betrachtet.

Das wäre genauso problematisch.

Wer beispielsweise die Gefahren des Klimawandels, einer Pandemie oder eines Krieges grundsätzlich als „Angstmache“ abtut, kann ebenfalls zu falschen Entscheidungen gelangen.

Eine mündige Haltung besteht deshalb nicht darin, alles zu glauben oder alles zu bezweifeln.

Sie besteht darin:

Behauptungen nach ihrer Evidenz zu beurteilen.

19. Der Einzelne sollte seine Informationsquellen diversifizieren

Eine weitere wichtige Schutzmaßnahme besteht darin, Informationen nicht ausschließlich aus einer einzigen Quelle zu beziehen.

Gerade bei kontroversen Themen empfiehlt es sich, unterschiedliche Perspektiven zu betrachten:

  • Primärquellen,
  • wissenschaftliche Untersuchungen,
  • seriöse Medien,
  • offizielle Statistiken,
  • internationale Organisationen,
  • unterschiedliche politische Positionen.

Dabei sollte man nicht einfach „beide Seiten“ gleich gewichten.

Wenn eine Behauptung durch zahlreiche unabhängige Quellen gut belegt ist und eine Gegenposition lediglich auf Spekulation beruht, bedeutet Ausgewogenheit nicht, beide Aussagen als gleich wahrscheinlich zu behandeln.

Offenheit für andere Sichtweisen bedeutet nicht, Evidenz zu ignorieren.

20. Die Bevölkerung sollte zwischen Kritik und Panik unterscheiden

Auch gesellschaftlich ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Angst wichtig.

Wenn Menschen Angst haben, sollten sie sich gegenseitig nicht zusätzlich aufschaukeln.

Besonders in Krisen können soziale Medien einen Verstärkungseffekt erzeugen:

Angst → dramatische Nachricht → Teilen → größere Sichtbarkeit → noch mehr Angst.

Eine Gesellschaft kann dadurch einen Zustand kollektiver Erregung erreichen, obwohl sich die tatsächliche Gefahrenlage nicht entsprechend verändert hat.

Deshalb sollte eine demokratische Gesellschaft eine Kultur entwickeln, in der es akzeptiert ist zu sagen:

„Ich weiß es noch nicht.“

Das ist keine Schwäche.

Es ist eine Form intellektueller Redlichkeit.

21. Demokratische Kontrolle als Gegenmittel gegen Angstpolitik

Auf politischer Ebene reicht individuelle Medienkompetenz allerdings nicht aus.

Eine demokratische Gesellschaft benötigt Institutionen, die Macht kontrollieren:

  • unabhängige Gerichte,
  • freie Medien,
  • Parlamente,
  • wissenschaftliche Institutionen,
  • Datenschutz- und Kontrollbehörden,
  • Opposition,
  • freie Wahlen,
  • transparente Entscheidungsverfahren.

Der entscheidende Unterschied zu autoritären Systemen liegt darin, dass Bürger und Institutionen die Möglichkeit besitzen müssen, staatliche Behauptungen und Maßnahmen öffentlich zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Angst darf nicht dazu führen, dass Kritik als Verrat behandelt wird.

Gerade in Krisenzeiten muss eine Demokratie Kritik aushalten können.

22. Was die Gesellschaft aus historischen Erfahrungen lernen kann

Aus der Geschichte lassen sich einige Grundsätze ableiten.

Erstens: Gefahren ernst nehmen, aber nicht dramatisieren.

Eine reale Gefahr sollte weder verharmlost noch künstlich vergrößert werden.

Zweitens: Unsicherheit offen benennen.

Wenn niemand weiß, wie sich eine Situation entwickeln wird, sollte das auch so kommuniziert werden.

Drittens: Prognosen nicht als Tatsachen darstellen.

Eine Möglichkeit ist keine Gewissheit.

Viertens: Gegenpositionen zulassen.

Wissenschaftlicher und politischer Widerspruch kann helfen, Fehlentscheidungen zu korrigieren.

Fünftens: Maßnahmen regelmäßig überprüfen.

Eine außergewöhnliche Maßnahme sollte nicht allein deshalb dauerhaft bestehen bleiben, weil sie einmal beschlossen wurde.

Sechstens: Menschen nicht durch Angst moralisch unter Druck setzen.

Wer eine andere Einschätzung hat, ist nicht automatisch verantwortungslos, unsolidarisch oder ein Feind.

Siebtens: Angst in Handlungsfähigkeit übersetzen.

Die beste Antwort auf Angst ist häufig nicht noch mehr Angst, sondern Wissen, Vorbereitung und die Möglichkeit, selbst etwas Sinnvolles zu tun.

23. Die wichtigste Fähigkeit: innere Distanz

Vielleicht ist die wichtigste persönliche Fähigkeit im Umgang mit politischer Angst eine gewisse innere Distanz.

Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit.

Es bedeutet:

„Ich nehme die Gefahr ernst, aber ich lasse meine Angst nicht darüber entscheiden, was ich für wahr halte.“

Man kann Angst empfinden und trotzdem kritisch denken.

Man kann eine Regierung kritisieren und gleichzeitig anerkennen, dass eine Gefahr real ist.

Man kann eine reale Gefahr anerkennen und trotzdem einzelne politische Maßnahmen ablehnen.

Man kann eine politische Position ablehnen, ohne deshalb die gesamte zugrunde liegende Gefahrenbeschreibung für falsch zu halten.

Diese Differenzierungsfähigkeit schützt vor zwei gegensätzlichen Gefahren:

blindem Vertrauen und blindem Misstrauen.

24. Friedrich Schiller und die Macht unserer Vorstellungskraft

Ein Gedanke von Friedrich Schiller passt besonders gut zu diesem Umgang mit Angst:

„Das Übel, das uns trifft, ist selten oder nie so schlimm als das, welches wir befürchten.“

Schiller weist damit auf einen wichtigen psychologischen Mechanismus hin: Unsere Vorstellungskraft kann eine Gefahr bereits vor ihrem tatsächlichen Eintreten vergrößern.

Wir stellen uns ausmalend vor, was alles passieren könnte. Die Fantasie kennt dabei kaum Grenzen. Aus einer Möglichkeit wird im Kopf schnell ein Szenario, das sich bereits wie eine bevorstehende Realität anfühlt.

Die Vorstellungskraft

Unsere Fantasie malt häufig die schlimmsten möglichen Entwicklungen aus. Gerade wenn Informationen fehlen, füllt der Mensch die Lücken selbst – und nicht selten mit dem schlimmsten denkbaren Szenario.

Die Realität

Wenn eine schwierige Situation tatsächlich eintritt, ist sie manchmal anders, begrenzter oder besser zu bewältigen als zuvor befürchtet.

Das bedeutet nicht, dass reale Gefahren harmlos wären. Schillers Gedanke ist vielmehr eine Aufforderung, zwischen der tatsächlichen Situation und unserer Vorstellung von ihr zu unterscheiden.

Die Lähmung

Angst kann bereits im Vorfeld Kraft rauben. Wer ständig über das Schlimmste nachdenkt, kann sich innerlich so stark auf die Katastrophe konzentrieren, dass die eigenen Handlungsmöglichkeiten aus dem Blick geraten.

Tritt die Situation dann tatsächlich ein, entstehen dagegen häufig konkrete Möglichkeiten: Man kann reagieren, Hilfe suchen, Entscheidungen treffen und Lösungen entwickeln.

Schillers Gedanke lässt sich deshalb auf den heutigen Umgang mit politischen und gesellschaftlichen Ängsten übertragen:

Nicht jede befürchtete Katastrophe wird eintreten. Und nicht jede eingetretene Schwierigkeit ist so unbeherrschbar, wie sie zuvor in unserer Vorstellung erschien.

Das ist kein Aufruf zur Sorglosigkeit. Es ist ein Aufruf zur inneren Distanz.

Resümee

Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass Angst eine außerordentlich wirkungsvolle soziale und politische Kraft ist.

Von der Antike über das Mittelalter, die Hexenverfolgungen, die Französische Revolution, den Nationalsozialismus, den Stalinismus und die DDR bis hin zu Nordkorea, HIV/AIDS, dem Kalten Krieg, Corona und dem Russland-Ukraine-Krieg begegnet uns immer wieder ein grundlegendes Problem:

Menschen müssen mit Gefahren umgehen – und gleichzeitig beurteilen, wie groß diese Gefahren tatsächlich sind und welche politischen Konsequenzen daraus gezogen werden sollen.

Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend:

Reale Gefahr ist nicht dasselbe wie politische Angstmache.

Die Angst vor einem Atomkrieg während der Kuba-Krise war begründet.

Die Angst vor HIV/AIDS hatte eine reale medizinische Grundlage.

Corona war eine reale gesundheitliche Bedrohung.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist eine reale militärische Bedrohung.

Aber aus einer realen Gefahr folgt nicht automatisch jede politische Maßnahme.

Ebenso schließt eine reale Gefahr nicht aus, dass politische Akteure sie kommunikativ verstärken oder für bestimmte politische Ziele nutzen.

Deshalb sollte der mündige Bürger weder grundsätzlich glauben noch grundsätzlich misstrauen.

Er sollte prüfen.

Was wissen wir?

Was wissen wir nicht?

Was ist Tatsache?

Was ist Prognose?

Was ist Wahrscheinlichkeit?

Was ist politische Interpretation?

Welche Alternativen gibt es?

Und wer kontrolliert diejenigen, die Entscheidungen treffen?

Für den Einzelnen bedeutet das vor allem, die eigene Angst nicht mit der Wahrheit einer Behauptung zu verwechseln.

Für die Gesellschaft bedeutet es, eine Kultur des kritischen Dialogs zu bewahren.

Und für die Politik bedeutet es, Bürger nicht nur zu mobilisieren, sondern ihnen auch die Unsicherheiten, Grenzen des Wissens und unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten transparent darzustellen.

Denn eine demokratische Gesellschaft ist nicht dadurch stark, dass sie keine Angst empfindet.

Sie ist dadurch stark, dass sie auch in Situationen großer Angst ihre Fähigkeit zum selbstständigen Denken bewahrt.

Die entscheidende Haltung könnte deshalb lauten:

Nimm die Gefahr ernst – aber prüfe die Behauptung.

Nimm die Angst wahr – aber lass sie nicht für dich denken.

Höre auf Warnungen – aber frage nach den Belegen.

Akzeptiere Unsicherheit – aber verwechsle Möglichkeit nicht mit Wahrscheinlichkeit.

Und bewahre auch in einer Krise das Recht, Fragen zu stellen.

Denn genau dieses Recht ist eine der wichtigsten Schutzvorrichtungen gegen den Missbrauch von Angst.

Und vielleicht liegt darin die wichtigste Lehre aus der gesamten Geschichte:

Angst kann Menschen schützen. Angst kann Menschen verbinden. Angst kann Menschen zum Handeln bewegen.

Aber Angst kann auch Menschen beherrschen.

Die Freiheit beginnt dort, wo der Mensch trotz seiner Angst noch selbst entscheiden kann, was er glaubt, was er fürchtet und wie er handelt.

Rainer Langlitz

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